ANSTECKUNGSGEFAHR MIT HIV

Schwerpunkt: HIV & Männer, HIV Allgemein
21.07.2013

Hallo, ich habe eine Frage zum Ansteckungsrisiko für Sexualpartner durch mein Sperma. Ich bin seit knapp fünf Jahren unter ART unter der Nachweisgrenze. Das ist schön, aber wie sieht es mit der Viruslast im Sperma aus? Beim Oralverkehr wird ja nur in ganz seltenen Fällen ein Kondom benutzt, so daß eine gewisses (bei kleinen Wunden im Mund erhöhtes) Infektionsrisiko besteht, wenn virusbelastetes Sperma in den Mund eines Partners gelangt. Nun schreiben Sie in der Antwort auf eine andere Frage vom 11.05.2013 Folgendes: "Was wir jedoch wissen ist, dass durch eine gute Behandlung das Virus nicht nur im Blut, sondern auch in anderen Körperflüssigkeiten gut unterdrückt werden kann. Auch wenn keinesfalls immer davon ausgegangen werden kann, dass die gemessenen Viruswerte im Blut auch den Werten im Sperma entsprechen, ist es jedoch meist so, dass eine deutliche Reduktion der Virusmenge im Blut auch mit einer deutlichen Reduktion der Virusmenge im Sperma einhergeht." Blutwerte sind also nicht gleich Spermawerte. Nun, woher weiß ich die denn dann? Gibt es einen Viruslast-Test für's Sperma? Es wäre ja schon angenehm zu wissen, dass auch dort die Belastung gering/nicht nachweisbar ist, bzw. im Falle einer doch hohen Belastung könnte man zum Schutz der Partner entsprechend besser "aufpassen". Vielen Dank!

Dr. med. Tobias Glaunsinger
Antwort des Experten Dr. med. Tobias Glaunsinger

Sehr geehrter „anddy“ ,

vielen Dank für Ihre Anfrage über die Internetplattform www.my-micromacro.net.

Zunächst einmal möchte ich ihnen mein volles Verständnis für ihre Unsicherheit mitteilen. Eine 100%ig für sie befriedigende Antwort werde ich Ihnen wahrscheinlich jedoch auch heute nicht geben können.

Dies hängt schlicht damit zusammen, dass es in biologischen Systemen – so auch im Menschen – nur sehr selten ein klares schwarz oder weiß gibt. Vielmehr reden wir sehr oft von fließenden Übergängen. In der Betrachtung von biologischen Systemen kann man deshalb sehr oft nur mit Wahrscheinlichkeiten rechnen. Genau dies tun wir jedoch bei genauerem Betrachten jeden Tag. Wann immer wir uns in ein Flugzeug setzen, mit der Bahn irgendwohin fahren oder schlicht eine Straße überqueren, gehen wir davon aus, dass das Restrisiko, hierbei schweren Schaden zu erleiden, sehr niedrig ist. Mit einem gewissen Restrisiko müssen wir jedoch leben. Oder anders ausgedrückt: Leben ist gefährlich.

Bezogen auf Ihre Frage kein Ihnen niemand 100%ig beantworten, wie hoch oder wie gering ihre konkrete Infektiosität ist. Diese hängt von sehr vielen Einzelfaktoren ab.

Was wir aus großen Studien klar wissen ist, dass Menschen, deren HIV Infektion mit antiretroviralen Medikamenten so gut behandelt ist, dass man im Blut kein oder kaum noch (freies!) Virus nachweisen kann, statistisch gesehen kaum noch als Quelle einer Infektion für andere angesehen werden können. Statistisch gesehen ist eine gut behandelte HIV-Infektion bezogen auf die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des Virus besser als die Benutzung von Kondomen.

Und Letztere sind ja im allgemeinen sehr gut anerkannte Schutzmittel. Jedoch darf man keinesfalls davon ausgehen, dass die Verhältnisse im Blut immer mit den Konditionen in anderen Körperflüssigkeiten gleichzusetzen sind. Es gibt Kompartimente im Körper, welche unser Organismus ganz besonders schützt. Hierzu zählen beispielsweise das Gehirn und die Keimdrüsen. In beiden Organen gibt es eine streng kontrollierte Blut-Hirnbeziehungsweise Blut-Hoden-Schranke. Durch diese Schrankensysteme kommen nur ausgewählte Stoffe in das Gehirn beziehungsweise in den Hoden. Viele Medikamente werden am Durchtritt durch diese Schranke gehindert. Das HI-Virus jedoch ist in der Lage – teilweise versteckt in Zellen – diese Schranke zu durchqueren. Folglich kann es Situationen gegeben, in welchem sich das HI-Virus im Gehirn oder in den Hoden vermehren kann, weil schlichtweg nicht genug Hemmstoff in diesen Organen ankommt, um die Virusvermehrung vollständig zu unterdrücken.

Andererseits kann es selbst unter einer gut wirksamen medikamentösen Behandlung mit guten Medikamentenspiegeln zu vorübergehenden geringfügigen Virusvermehrungen kommen. Dies sieht man immer mal wieder bei Patienten unter lang dauernder, gut wirksamer HIV-Therapie. Im Rahmen von Erkältungsinfekten, nach Impfungen oder bei starken körperlichen Belastungen kann es zu vorübergehenden geringfügigen Viruslasterhöhungen, meist im Bereich bis 100 oder 200 Kopien pro Milliliter, kommen. Dieses Phänomen bezeichnen wir als "Blip". Kontrolliert man die Viruslast dann nach 1-2 Wochen noch einmal, ist sie meist wieder unterhalb der „Nachweisgrenze“, welche heute besser als "Quantifizierungsgrenze" bezeichnet werden sollte.

Denkbar sind ähnliche Phänomene jetzt auch begrenzt auf bestimmte Organe, beispielsweise die Geschlechtsorgane. Durch zwischenzeitig auftretende sexuell übertragene Infektionen wie Herpes genitalis, Syphilis etc. könnte es zu vorübergehenden Virusvermehrungen im Bereich der Genitalorgane kommen. Dieses Virus konnte dann vorübergehend mit dem Sperma freigesetzt werden. Solche Phänomene sind in Studien durchaus nachgewiesen worden.

Insgesamt muss jedoch auch hier wieder davon ausgegangen werden, dass HIV im allgemeinen ein recht schwer Übertragbares Virus ist. Welche Bedeutung solche geringfügigen Virusvermehrungen für die Übertragung der Infektion haben, kann aktuell nicht seriös und sicher eingeschätzt werden. Eine Übertragung ist in solchen Situationen auch wieder von vielen Faktoren – auch auf der Seite des potenziellen Virusempfängers – abhängig.

Es ist prinzipiell durchaus möglich, die HIV-Viruslast auch im Sperma zu messen. Ein einmaliger Messwert ist hierbei – genau wie bei der Viruslast- Bestimmung im Blut – jedoch auch nur bedingt aussagekräftig.

Sie sehen, das Problem ist vielschichtig und kann nicht im Sinne eines schwarz oder weiß beantwortet werden. Beim Oralverkehr kommt noch hinzu, dass diese Sexualpraktiken insgesamt als recht wenig riskant gilt, da unsere Mundhöhle von Natur aus darauf ausgelegt ist, tagtäglich mit einer Vielzahl von Krankheitserregern konfrontiert zu werden. Die Schleimhäute Mundhöhle – im Zusammenwirken mit desinfizierenden Eigenschaften des Speichels – ist recht widerstandsfähig gegen Infektionen.

Auch wenn ein ganz niedriges Restrisiko aus meiner Sicht nicht 100%ig auszuschließen ist – genauso wenig wie ein Flugzeugabsturz – werden doch die meisten Kollegen mit mir eine Meinung sein, dass eine sehr gut behandelte HIV-Infektion den besten Schutz vor einer Übertragung des Virus auf andere darstellt.

Ich hoffe, ich habe sie jetzt nicht mehr verwirrt als dass ich Klarheit geschaffen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med Tobias Glaunsinger
Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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