Krisenbewältigung nach der Diagnose "HIV -positiv" 

Die Diagnose einer chronischen Erkrankung wie HIV kann das Selbstbild verändern und Ängste wecken. Sie führt zu einer inneren Auseinandersetzung mit der Krankheit und macht seelische Anpassungsleistungen erforderlich. Das ist ein völlig normaler Vorgang. Gelingt die Anpassung, wird die Erkrankung schließlich akzeptiert und Teil des neuen Selbstbilds. Häufig löst die Diagnose allerdings eine seelische Krise aus. Was kann dir in dieser Krisensituation helfen?

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Krisensituationen bleiben in keinem Leben aus. Wenn die Psyche mit der Verarbeitung vorübergehend überfordert ist, können Gefühle der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, Scham - und Schuldgefühle, panische Angst oder auch Gefühle der inneren Leere und Lähmung aufkommen. Diese Empfindungen beeinträchtigen oft die Handlungsfähigkeit und werden als quälend erlebt.

Im günstigen Fall gelingt es dir – vielleicht mit Unterstützung von anderen –, die Lebensveränderung seelisch zu verarbeiten. Eine gelungene Krisenbewältigung führt nicht nur dazu, dass du die Diagnose akzeptierst und einen angemessenen Umgang damit findest, sondern auch dazu, dass du dich in deiner Persönlichkeit weiterentwickelst und ein reiferer Mensch wirst. Das ist die Chance, die in jeder persönlichen Krise steckt.

Wie du mit der Krise umgehst, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören vor allem deine psychische Stabilität vor der Erkrankung, deine Lebenssituation bei Diagnosestellung, deine früheren Erfahrungen mit Krankheit und seelischen Krisen sowie die soziale Unterstützung, die du in dieser Situation findest.

Seelische Krisen erkennen

Es mag banal klingen, aber zunächst ist es wichtig zu erkennen, dass du dich in einer Krise befindest. Hast du selbst deutliche Veränderungen deiner Gefühlswelt und deines Verhaltens bemerkt oder haben dich andere darauf aufmerksam gemacht? Solche Veränderungen können zum Beispiel ausgeprägte Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Reizbarkeit, erhöhte Ängstlichkeit, Konzentrationsstörungen, Appetitverlust oder gesteigerter Alkohol- oder Drogenkonsum sein. Manche Menschen reagieren dagegen eher gelähmt. Sie fühlen sich wie „abgeschaltet“, ziehen sich in sich selbst zurück, fühlen sich leer oder kommen aus dem Grübeln nicht heraus. All das sind ernst zu nehmende Warnsignale.

Die entscheidende Frage ist nun, ob es dir gelingt, diese seelischen Reaktionen aus eigener Kraft zu bewältigen. In folgenden Situationen solltest du nicht zögern, Hilfe zu suchen:

  • Wenn die genannten Symptome länger anhalten
  • Wenn sie stark ausgeprägt sind oder dich sehr quälen
  • Wenn sie dein normales Leben stark behindern, zum Beispiel durch anhaltende Arbeitsunfähigkeit oder die Unfähigkeit, anderen gewohnten Aktivitäten nachzugehen
  • Wenn gefährliche Folgen drohen, etwa weil du lebensmüde Gedanken hast oder auf eine andere Art die Kontrolle über dein Handeln zu verlieren drohst. Dazu kann auch gesteigerter Alkohol- und Drogenkonsum gehören.

Es mag dir schwerfallen, deine Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren. Letztlich ist aber entscheidend, dass du in deiner Not nicht allein bleibst. Zum Glück gibt es viele Hilfsmöglichkeiten für Menschen in seelischen Krisen.

Was kann dir in der seelischen Krise helfen?

In akuten Situationen solltest du dich umgehend an eine Person deines Vertrauens wenden. Vielleicht hast du einen verlässlichen Freund, der für dich da ist und dem du zutraust, dass er dir Halt und Unterstützung bieten kann. Du kannst dich aber auch jederzeit an einen professionellen Krisendienst wenden oder Kontakt zu deinem Hausarzt bzw. zum ärztlichen Bereitschaftsdienst aufnehmen.

Längerfristige Hilfen bei der Krisenbewältigung findest du vor allem im Kontakt mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen, die dir deine örtliche Aidshilfe vermitteln kann. Selbsthilfegruppen können eine sehr wertvolle Unterstützung bei der Krisenbewältigung sein. Auch eine Psychotherapie kann helfen, die Krise zu überwinden und die Chancen zu nutzen, die in ihr stecken.

Autor: Dr. Steffen Heger

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