HIV: ANGST VOR THERAPIEBEGINN

Schwerpunkt: HIV & Psyche
18.11.2013

Hallo, ich weiß, dass ich HIV positiv bin und von meiner Frau angesteckt wurde. Sie ist seit ca. 8 Jahren positiv und auch sie hat erst jetzt durch ihre schwere Erkrankung davon erfahren. Dies ist aber nicht das Problem, ich liebe sie trotz allem noch genauso wie vor 3 Jahren, als ich sie kennengelernt habe und wie an dem Tag, an dem wir geheiratet haben. Das war am 27.7.2012. Meine CD4-Werte sind aber so, dass ich mit einer Therapie anfangen soll. Ich habe die Medikamente seit 48 Stunden zuhause, aber ich habe Angst vor der Einnahme. Es ist gut, sie da zu haben, aber irgendwie habe ich dieses Gefühl – es ist schwer zu beschreiben. Ich weiß seit genau 17 Tagen, dass ich positiv bin und habe meine Testergebnisse bekommen, als meine Frau noch im künstlichen Koma lag, aus dem sie zum Glück wieder raus ist. Eigentlich habe ich Angst davor, dass es endgültig ist, dass ich HIV habe, wenn ich die drei Tabletten nehme, die ich verschrieben bekommen habe - auch die Angst vor Nebenwirkungen spielt eine Rolle und, dass ich drei Kinder habe: 13-jährige Zwillinge und einen 16-jährigen Sohn. Ich habe Angst davor, dass ich mich wegen der Einnahme und der Nebenwirkungen in der Zwischenzeit nicht mehr um sie kümmern kann.

Dr. med. Steffen Heger
Antwort des Experten Dr. med. Steffen Heger

Sehr geehrter Peer Magnus ,

vielen Dank für Ihre Anfrage über die Internetplattform www.my-micromacro.net, in der Sie auf sehr eindrucksvolle Weise beschreiben, was in vielen Betroffenen vorgeht, wenn sie eine medikamentöse Behandlung wegen einer HIV-Infektion beginnen sollen.

Die Diagnose liegt bei Ihnen noch keine drei Wochen zurück. Aus meiner Sicht hatten Sie noch nicht genügend Zeit, um die Diagnose zu verarbeiten. Gleichzeitig ist Ihre Frau schwer krank und Sie sind allein in der Verantwortung für Ihre Kinder. Da kommt eine Menge zusammen.

Dass man Ihnen jetzt aufgrund Ihrer CD4-Werte zum Behandlungsbeginn rät, wird aus medizinischer Sicht sinnvoll sein. Neben den Laborwerten gibt es aber noch eine andere Voraussetzung, die bei Therapiebeginn erfüllt sein sollte: die innere Bereitschaft, sich auf die Behandlung voller Überzeugung einzulassen. Eine amerikanische Fachgesellschaft empfiehlt, mit der Behandlung erst dann zu beginnen, wenn man sich innerlich dazu bereit fühlt. Diese Bereitschaft kann aber nur gegeben sein, wenn man genügend Gelegenheit hatte, auf all die Fragen, die Sie völlig zu Recht stellen, eine wenigstens vorläufige Antwort zu finden.

Normalerweise sind in der Behandlung von HIV-Infektionen erfahrene Schwerpunktärzte mit diesen Fragen vertraut und in der Lage, Ihnen darauf befriedigende Antworten zu geben. Ich möchte Sie ermutigen, sich mit allen Fragen die Sie hier erwähnt haben, an Ihren behandelnden Arzt zu wenden. Diese Fragen sind wichtig und ebenso berechtigt wie nachvollziehbar!

Dabei ginge es in Ihrem Fall vor allem darum, die Frage nach möglichen Nebenwirkungen zu besprechen und wie Sie damit umgehen können, falls welche auftreten sollten. Es ist eher selten, dass einen Nebenwirkungen der Behandlung völlig "außer Gefecht setzen". Gegen die meisten der häufigeren Nebenwirkungen gibt es gute und wirksame "Geheimrezepte", die Ihnen sowohl Ihr Arzt als auch ein im Bereich HIV erfahrener Apotheker mitteilen können. Ich kenne viele Patienten die unter der Behandlung fast völlig frei von Nebenwirkungen sind. Wie Sie Ihre Medikation vertragen, kann man leider nicht voraussagen. Nach meinen Erfahrungen scheint aber die Verträglichkeit besser zu sein, wenn die oben erwähnte innere Bereitschaft zur Behandlung hergestellt ist. Vielleicht benötigen Sie dazu noch etwas Zeit - und mehr Information, die Sie sowohl bei Ihrem Arzt als auch bei Ihrer örtlichen AIDS-Hilfe bekommen können.

Ich wünsche Ihnen den Mut, all Ihre Fragen offen zu besprechen und die Behandlung dann zu beginnen, wenn Sie sich dazu bereit fühlen!

Ich freue mich, wenn ich Ihnen weitergeholfen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med Steffen Heger
Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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