HIV: VIRUSLAST UNTER NACHWEISGRENZE

Schwerpunkt: HIV & Männer, HIV Allgemein
11.05.2013

Hallo, erst einmal großes Lob an Ihre tolle Seite und den Service, den sie hier bieten! Ich bin vor vier Monaten positiv auf HIV getestet worden und meine Viruslast liegt durch meine Medikation unter der Nachweisgrenze. Diesbezüglich habe ich einige Fragen: Bin ich nun wirklich für andere Personen nicht mehr ansteckbar (keine Angst, werde mit Negativen weiterhin verhüten, nur falls ein Gummi platzt oder so)? Wenn ich mit einem anderen HIV positiven schlafe, kann ich mich dann mit seinen Viren doppelinfizieren, obwohl ich Medikamente nehme? Also könnte ich dann eventuell seine Viren (anderer Virusstamm oder Viren) bekommen, die gegen meine Medikamente bereits resistent sind? Oder töten meine Medikamente automatisch seine Viren mit ab? Wie bilden sich denn Resistenzen? Gibt es eine geschätzte Lebenserwartung, wenn man mit 30 anfängt, Medikamente zu nehmen? Vielen Dank schon mal.

Dr. med. Tobias Glaunsinger
Antwort des Experten Dr. med. Tobias Glaunsinger

Sehr geehrter „berliner1984“ ,

vielen Dank für Ihre Anfrage über die Internetplattform www.my-micromacro.net.

Ihre Fragen kann ich sehr gut verstehen. Leider wird Ihnen darauf – zumindest auf die erste Frage – niemand eine 100%ige Antwort geben können.
Eine 100%ige Sicherheit gibt es in der Medizin so gut wie nie. Wir können immer nur von Wahrscheinlichkeiten ausgehen. Niemand würde zu 100% versichern können, dass man auf gar keinen Fall die Infektion an andere übertragen kann, wenn man eine Viruslast im Blut unter 50 Kopien pro Milliliter hat.
Was wir jedoch wissen ist, dass durch eine gute Behandlung das Virus nicht nur im Blut, sondern auch in anderen Körperflüssigkeiten gut unterdrückt werden kann. Auch wenn keinesfalls immer davon ausgegangen werden kann, dass die gemessenen Viruswerte im Blut auch den Werten im Sperma entsprechen, ist es jedoch meist so, dass eine deutliche Reduktion der Virusmenge im Blut auch mit einer deutlichen Reduktion der Virusmenge im Sperma einhergeht.
Aus großen Studien an heterosexuellen Paaren ist mittlerweile bekannt, dass eine gute, hoch effiziente HIV-Therapie sicherer vor einer Übertragung der Infektion schützt als die Anwendung von Kondomen. Sicher ist die Kombination aus beiden Maßnahmen jedoch nach derzeitigem Stand des Wissens das Optimum.
Insbesondere wenn zusätzliche sexuell übertragene Infektionen, Entzündungen oder Verletzungen vorliegen, die mit entzündeten oder verletzten Stellen der Häute oder Schleimhäute im Genitalbereich einhergehen, könnten hier zusätzliche Eintrittspforten für das Virus einerseits, andererseits Orte, an denen das Virus lokal vermehrt freigesetzt wird, entstehen.
Die Empfehlungen der Schweizer AIDS-Kommission (EKAF), die sich erstmals der Frage der Notwendigkeit von Kondomen unter guter Therapie widmeten, gehen auch klar in diese Richtung. Hier wird als Bedingung für die Überlegung, Kondome bei sexuellen Kontakten wegzulassen, nicht nur eine Viruslast unter 50 Kopien, sondern auch die sichere Abwesenheit anderer sexuell übertragener Infektionen angegeben. Dies ist mit gewisser Wahrscheinlichkeit nur in festen, monogamen Partnerschaften zu gewährleisten.

Zusammenfassend kann man also sicher sagen, dass die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung auf andere sehr gering ist, wenn die Viruslast im Blut unter 50 Kopien liegt, ein geringes Restrisiko jedoch nicht sicher auszuschließen ist.
Zudem besteht auch immer die Gefahr, sich bei ungeschützten sexuellen Kontakten noch weitere sexuell übertragbare Infektionen zuzuziehen. Ich würde also zumindest bei sexuellen Gelegenheitskontakten prinzipiell immer zur Anwendung von Kondomen raten. In einer stabilen Partnerschaft könnte – nach gründlicher Aufklärung des HIV-negativen Partners über die geringen Restrisiken, am besten im Rahmen eines Gespräches mit dem Partner und dem Arzt – über die Nutzung von Kondomen diskutiert werden.

Zu ihrer zweiten Frage:
Doppelinfektionen sind prinzipiell möglich, wenn auch sehr wahrscheinlich selten. Eine laufende Therapie stellt in der Tat einen recht guten Schutz vor einer Doppelinfektion dar. Dies setzt jedoch voraus, dass die übertragenen, potenziell zur Doppelinfektion führenden Viren nicht gegen die eingesetzten Medikamente resistent sind. Insgesamt liegt das Restrisiko in dieser Konstellation jedoch sicher in einem sehr niedrigen Bereich.

Zur Frage, wie Resistenzen entstehen:
Hier haben wir es mit einer klassischen Evolution im Darwin`schen Sinne zu tun. Immer wenn sich das Virus vermehren kann, kommt es zu kleinen Fehlern bei der Vermehrung der Erbinformation des Virus (Mutationen). Rein zufällig kann es dann passieren, dass einzelne dieser Mutationen zu kleinen Veränderungen in den Viruseiweißen führen, die eigentlich von den Medikamenten gehemmt werden sollen. Folge dieser leicht veränderten Viruseiweiße könnte sein, dass das Medikament nicht mehr sicher an dieses Eiweiß binden kann. In der Folge verliert das Medikament seine volle Wirksamkeit. Die mutierten Viren haben einen Vorteil gegenüber den nicht mutierten Viren, sich in Gegenwart der Medikamente zu vermehren. In der Folge sammeln sie sich an.
In jedem Fall setzt eine Resistenzentwicklung also die Vermehrung der HI-Viren voraus! Nur wenn sich das Virus vermehren kann, können Fehler in der Erbinformation entstehen.
Folglich ist die beste Prophylaxe einer Resistenzentwicklung, die Medikamente sehr regelmäßig einzunehmen und das Virus so dauerhaft an der Vermehrung zu hindern.

Zur Frage der Lebenserwartung:
Dies hängt sicherlich von vielen Faktoren ab. In der Fachwelt ist man sich jedoch heute darüber weitgehend einig, dass die HIV-Infektion nicht mehr zwingend zu einer deutlichen Reduktion der Lebenszeit führen muss. Es ist also potenziell gut möglich, dass ein Großteil der HIV-infizierten irgendwann im Leben mal mit HIV, aber nicht an HIV stirbt.

Ich freue mich, wenn ich Ihnen weitergeholfen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med Tobias Glaunsinger
Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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