Kann Präexpositionsprophylaxe (PrEP) vor HIV schützen?

Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist eine neue Methode, HIV -negative Personen vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Wie sicher die PrEP ist und ob sie als Schutz vor HIV für dich in Frage kommt, kannst du hier erfahren.

Kann Präexpositionsprophylaxe (PrEP) vor HIV schützen?
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Während bis vor kurzem beim Analverkehr der Gebrauch von Kondomen und beim Oralsex die Regel „Raus, bevor es kommt“ die einzigen Möglichkeiten waren, sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, steht mit der Präexpositionsprophylaxe, kurz PrEP, nun eine weitere Methode zur Verfügung. Die PrEP besteht in der vorbeugenden täglichen Einnahme eines Medikaments mit den beiden Wirkstoffen Emtricitabin und Tenofovir. Dieses Medikament ist unter dem Markennamen Truvada® bekannt und wird seit langem in der Behandlung der HIV -Infektion eingesetzt. Da in Studien gezeigt werden konnte, dass die Einnahme auch HIV -Negative mit einer ähnlichen Zuverlässigkeit vor der Ansteckung mit HIV schützt wie der Gebrauch von Kondomen, wurde das Medikament im August 2016 zu diesem Zweck zugelassen. Seitdem kann es unter bestimmten Voraussetzungen vom Arzt an HIV -Negative verschrieben werden.

Nachfolgend einige Antworten auf die häufigsten Fragen:

Wie sicher schützt die PrEP vor einer HIV -Infektion?

Die PrEP ist ähnlich sicher wie der Gebrauch von Kondomen. Dies setzt allerdings die zuverlässige Einnahme der Tabletten voraus. Außerdem muss rechtzeitig vor („prä“ bedeutet „vor“) Risikokontakten mit der PrEP begonnen werden. Man geht heute davon aus, dass sie frühestens nach fünf bis sieben Tagen regelmäßiger Einnahme ihre optimale Schutzwirkung entfaltet.
In London ist in den letzten zwei Jahren die Rate der HIV -Neuinfektionen um 80% zurückgegangen. Dies wird wesentlich auf die zunehmende Verbreitung der PrEP zurückgeführt. Möglicherweise wird die PrEP in den kommenden Jahren zu einer der wirksamsten Methoden im Kampf gegen die HIV -Epidemie.
Die PrEP sollte nicht verwechselt werden mit der PEP (Postexpositionsprophylaxe, „post“ bedeutet „nach“). Die PEP ist eine Methode, um nach einem Risikokontakt (wie z. B. gerissenes Kondom oder Vergewaltigung) durch die vierwöchige Einnahme mehrerer antiretroviraler Medikamente eine HIV -Infektion zu verhindern. Die PEP ist also eine Notfalltherapie, die nach einem ungeplanten Risikokontakt angewendet wird.

Wann kann die Anwendung der PrEP für dich sinnvoll sein? 

Die Anwendung der PrEP kann für dich sinnvoll sein, wenn du HIV -negativ bist, aber ein hohes Risiko hast, dich zukünftig mit HIV zu infizieren.

Ein hohes Risiko besteht zum Beispiel, wenn es dir schwerfällt, regelmäßig andere Schutzmaßnahmen wie Kondome anzuwenden.

Wenn du in den letzten 12 Monaten häufiger Risikokontakte (= unsafe Sex) hattest und/oder wenn du im letzten Jahr mehrfach andere sexuelle übertragbare Erkrankungen hattest, sind das deutliche Hinweise auf ein erhöhtes Risiko, dich mit HIV zu infizieren. Auch Drogengebrauch zum Sex („Chemsex “) erhöht das Risiko, weil unter Drogeneinfluss häufig auf andere Schutzmaßnahmen verzichtet wird.

Wenn dies auf dich zutrifft, solltest du mit einem in der HIV -Therapie erfahrenen Arzt darüber sprechen, ob die PrEP für dich in Frage kommt. Es wird geschätzt, dass es derzeit bei etwa 10% der MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) einen Bedarf für die PrEP gibt

Was kostet die PrEP, und wer bezahlt sie?

Die Kosten für die PrEP werden in Deutschland im Gegensatz zu einigen anderen europäischen Ländern noch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Das bedeutet, du musst die Kosten für die PrEP selbst tragen.

Da das Medikament bis vor kurzem noch unerschwinglich teuer war, haben manche auf die Bestellung ausländischer Generika über das Internet zurückgegriffen. Dies war jedoch nicht nur illegal, sondern auch mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden, weil die Qualität der auf diesem Weg beschafften Arzneimittel häufig nicht gewährleistet ist.

Seit Oktober 2017 steht ein Medikament mit der oben genannten Wirkstoffkombination aus deutscher Herstellung und mit gesicherter Qualität für die PrEP zum Preis von ca. 50 € pro Monat legal zur Verfügung. Dadurch können sich die meisten Menschen diesen Schutz finanziell leisten, und der Bezug aus zweifelhaften Quellen hat sich erübrigt.

Welche Voraussetzungen musst du für Anwendung von PrEP erfüllen?  

Zunächst muss sichergestellt werden, dass du HIV -negativ bis, weil die alleinige Einnahme von Emtricitabine / Tenofovir bei HIV -Positiven zur Kontrolle der Virusvermehrung im Körper nicht ausreicht und daher zur Bildung resistenter Viren führen kann. Das würde die HIV -Therapie sehr erschweren.

Außerdem muss durch eine Laboruntersuchung nachgewiesen sein, dass du keine Hepatitis B hast, weil es sonst nach Absetzen der PrEP zu ernsthaften Leberproblemen kommen kann. Falls du noch nicht gegen Hepatitis B geimpft sein solltest, wird dir dein Arzt diese Impfung vor Beginn der PrEP empfehlen.

Da das zur PrEP eingesetzte Arzneimittel in seltenen Fällen zu Nierenfunktionsstörungen führen kann, sollten deine Nieren gesund sein. Auch dies wird durch Laboruntersuchungen überprüft.

Während der PrEP muss alle drei Monate eine Blutuntersuchung durchgeführt werden. Dabei werden jeweils ein HIV -Test gemacht und die Nierenwerte bestimmt. Eventuell kann dein Arzt in besonderen Fällen noch weitere Untersuchungen empfehlen.

Da dich die PrEP nur dann optimal vor HIV schützen kann, wenn du die Tabletten regelmäßig einnimmst, sollte bei jeder Kontrolluntersuchung besprochen werden, wie gut dir das gelingt. Hinweise und Tipps, die dir bei der regelmäßigen Einnahme helfen können, findest du hier.

Gibt es Alternativen zur täglichen Einnahme?

In einer Studie wurde auch die anlassbezogene PrEP („PrEP on demand“) untersucht. Darunter versteht man, dass die PrEP nicht regelmäßig, sondern nur ab einem Tag vor bis zwei Tage nach einem geplanten Risikokontakt eingenommen wird.

Die anlassbezogene PrEP hat mehrere Nachteile:

  • Da die PrEP ihre optimale Schutzwirkung erst nach mehrtägiger, evtl. sogar mehrwöchiger Einnahme entfaltet, ist der Schutz der anlassbezogenen PrEP deutlich geringer als bei der täglichen Einnahme.
  • Um einen optimalen Schutz zu erreichen, sollte die PrEP noch mehrere Wochen über den letzten Risikokontakt hinaus eingenommen werden.
  • Mehrere medizinische Fachgesellschaften empfehlen diese Methode deswegen ausdrücklich nicht.
  • Sexuelle Kontakte ergeben sich häufig ungeplant.
  • Das Medikament ist für diese Art der Anwendung nicht zugelassen. Wenn ein Arzt sie dennoch verordnet, setzt er sich unter Umständen einem juristischen Risiko aus.

Aus diesen Gründen ist die regelmäßige tägliche Einnahme der PrEP nach gegenwärtigem Kenntnisstand die eindeutig empfehlenswertere Methode.

Welche Nachteile kann die PrEP haben? 

Nebenwirkungen: Es handelt sich bei der PrEP um ein Medikament, das in der Regel gut vertragen wird. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten. Insbesondere ist auf mögliche Nierenfunktionsstörungen zu achten. Daher werden die Nierenwerte in regelmäßigen Abständen überprüft. Weitere Nebenwirkungen können zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sowie Kopfschmerzen, Schwindel­gefühl und Hautausschlag sein. Alle bisher beobachteten Nebenwirkungen sind im Beipackzettel des Medikaments aufgeführt.

Erhöhtes Risiko anderer sexuell übertragbarer Infektionen: Wenn unter der PrEP auf den Gebrauch von Kondomen verzichtet wird, besteht möglicherweise ein erhöhtes Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen anzustecken. Wie hoch dieses Risiko tatsächlich ist, wird derzeit noch kontrovers diskutiert. Es gibt allerdings Hinweise auf eine erhöhte Rate an Hepatitis-C-Infektionen bei PrEP-gebrauchenden Personen.

Stigmatisierung und Diskriminierung : Leider wird der Gebrauch der PrEP gerade in der schwulen Szene mitunter mit sexueller Zügellosigkeit gleichgesetzt und moralisch verurteilt („PrEP-Whore“ - siehe hierzu auch den Artikel „HIV-Infektion als Stigma: Wie gehe ich damit um?“). Das Gegenteil ist der Fall: Wer die PrEP anwendet, zeigt damit, dass er Verantwortung für sich und seine Gesundheit übernimmt. Außerdem bieten die bei der PrEP regelmäßig durchgeführten HIV -Tests die Sicherheit, eine eventuelle HIV -Infektion in einem sehr frühen Stadium zu erkennen und zu behandeln. Das ist nicht nur im Interesse des Betroffenen (siehe hierzu den Artikel „Late Presenter: Warum frühe HIV-Diagnose Leben rettet“), sondern schützt auch die Sexualpartner.

Wie komme ich an die PrEP?

Indem du dich mit dieser Frage an einen in der HIV -Therapie kompetenten Arzt wendest. Er kann dich individuell beraten, deine Fragen beantworten und dir gegebenenfalls das Medikament verschreiben.

(Autor: Dr. Steffen Heger)

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