Schutz vor HIV durch Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Aktuelle Fakten

Spätestens seit die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) in Deutschland nicht nur behördlich zugelassen, sondern für viele auch finanziell erschwinglich ist, wird diese neueste Variante von „Safer Sex 3.0“ nicht nur in der homosexuellen Szene kontrovers diskutiert. Welche Vor- und Nachteile hat die Methode? Hier die aktuellen Fakten.

PrEP als neue Schutzmethode vor HIV
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Wie funktioniert die Präexpositionsprophylaxe (PrEP)?

Unter „Safer Sex 3.0“ werden die drei Möglichkeiten zusammengefasst, mit denen sich HIV -negative Personen vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus schützen können: Barrieremethoden (Kondom), Schutz durch Therapie sowie Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Die PrEP ist die jüngste dieser drei Methoden. Dabei nimmt man täglich eine Tablette eines bereits seit vielen Jahren in der HIV -Therapie eingesetzten Medikaments mit den zwei Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin. Zuverlässige Einnahme vorausgesetzt, schützt die PrEP mindestens so sicher vor einer HIV -Infektion wie der Gebrauch von Kondomen.

Es gibt noch eine weitere Variante, die sogenannte anlassbezogene PrEP oder PrEP on demand. Hier werden mindestens 2 bis 24 Stunden vor dem Sex zwei Tabletten und danach bis einschließlich 2 Tage nach dem letzten Sexualkontakt alle 24 Stunden jeweils eine Tablette eingenommen. Die vorliegenden wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die anlassbezogene Methode ebenfalls mit recht hoher Wahrscheinlichkeit eine HIV -Infektion verhindern kann. Das Risiko für Fehlanwendungen ist jedoch größer als bei der täglichen Einnahme.

Die PrEP verhindert nicht die Übertragung anderer sexuell übertragbarer Infektionen (STI) wie z. B. Gonorrhoe, Chlamydien oder Syphilis.

Das zur PrEP verwendete Arzneimittel ist seit dem Jahr 2012 in den USA und seit 2016 in Europa für diese Indikation zugelassen und kann seitdem vom Arzt auf Privatrezept verordnet werden. Die Kosten sind bisher vom Nutzer selbst zu tragen. Im Juli 2018 kündigte das Bundesgesundheitsministerium an, die PrEP in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. Die Zulassung beschränkt sich jedoch gegenwärtig auf die tägliche Einnahme. Für die anlassbezogene PrEP gibt es derzeit aufgrund mangelnder Studiendaten noch keine Zulassung.

Für wen kommt die PrEP als Schutz vor HIV in Betracht?

Nach dem amtlichen Zulassungstext wird das zur PrEP eingesetzte Arzneimittel „in Kombination mit Safer-Sex-Praktiken für die Prä-Expositions-Prophylaxe zur Reduktion des Risikos einer sexuell erworbenen HIV -1-Infektion bei Erwachsenen mit hohem HIV -Risiko angewendet.“ 
Was nun konkret „ein hohes HIV -Risiko“ bedeutet und wer davon betroffen ist, wird hier nicht näher erläutert. Es bleiben also Interpretationsspielraum und -bedarf. Die gegenwärtig hilfreichste Auslegung findet sich in den Mitte 2018 erschienenen Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur PrEP. Darin wird ein hohes HIV -Risiko bei folgenden Personen angegeben, für die folglich auch eine Indikation zur PrEP gesehen wird:

  • Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), oder Transgender-Personen mit der Angabe von analem Sex ohne Kondom innerhalb der letzten 3-6 Monate und/oder voraussichtlich in den nächsten Monaten bzw. einer sexuell übertragbaren Infektion in den letzten 12 Monaten
  • Serodiskordante Paare mit einem unbehandelten HIV -positiven Partner oder einem behandelten HIV -positiven Partner, dessen Viruslast aber nicht seit mind. 6 Monaten unter 200 RNA-Kopien/ml liegt (behandelte HIV -positive Personen, deren Viruslast seit mind. 6 Monaten unter der Nachweisgrenze liegt, können die Infektion nicht weitergeben, so dass aus medizinischer Sicht eine PrEP beim Partner nicht erforderlich ist).
  • Darüber hinaus kann individuell ein substanzielles Risiko bestehen, insbesondere bei Menschen, die Sex ohne Kondom mit Partnern haben, bei denen eine nicht diagnostizierte HIV -Infektion wahrscheinlich ist und bei
  • Drogeninjizierenden Personen ohne Gebrauch steriler Injektionsmaterialien. Diese Gruppe ist allerdings durch den amtlichen Zulassungstext nicht abgedeckt, der nur von „sexuell erworbenen HIV1-Infektionen“ spricht.

Seriösen Schätzungen zufolge haben im Frühjahr 2018 etwa 4.500 Personen in Deutschland und ca. 0,5 Millionen Menschen weltweit die PrEP als Schutzmethode genutzt. Nach einer Erhebung der Universität Duisburg-Essen sind die Nutzer in Deutschland im Mittel 38 Jahre alt, zu 97% männlich und verfügen über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau und Einkommen. Die genannten 4.500 Personen sind nach Expertenansicht allerdings nur ein Bruchteil derjenigen, die von einer PrEP profitieren könnten. Außerdem scheint die PrEP derzeit gerade viele Personen mit besonders hohem Infektionsrisiko nicht zu erreichen.

Fazit:

Die PrEP stellt im Sinn von „Safer Sex 3.0“ eine hochwirksame Erweiterung der Möglichkeiten dar, sich vor einer Infektion mit HIV zu schützen. Sie wird von vielen Experten als der „Game Changer“ auf dem Weg zu einer Beendigung der HIV -Epidemie angesehen.

Die PrEP zu gebrauchen bedeutet nicht, einfach eine Tablette am Tag einzunehmen. Schon die Entscheidung für oder gegen die PrEP ist ein komplexer Prozess, bei dem objektiv messbare Faktoren eine ebenso wichtige Rolle spielen sollten wie subjektiv-seelische. Daher darf sich die Anwendung der PrEP nicht nur auf das Ausstellen eines Rezepts beschränken, sondern sie bedarf einer ganzheitlichen ärztlichen Betreuung, die von mit der HIV -Thematik vertrauten Ärzten durchgeführt werden sollte.

Autor: Dr. Steffen Heger


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