Schutz vor HIV durch Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Auswirkungen auf seelischer Ebene

Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) stellt eine hochwirksame Erweiterung der Möglichkeiten dar, sich vor einer Infektion mit HIV zu schützen. Sie wird von vielen Experten als der „Game Changer“ auf dem Weg zur Beendigung der HIV -Epidemie angesehen. Welche Auswirkungen hat die Methode auf seelischer Ebene? Hier einige Anregungen zum Weiterdenken.

Vorteile der PrEP auf seelischer Ebene
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Was ist die Präexpositionsprophylaxe (PrEP)?

Die PrEP ist die jüngste unter den drei Methoden, mit denen sich HIV -negative Personen vor einer Ansteckung mit HIV schützen können. Einen Überblick über die Fakten zur PrEP findest du hier.

Die PrEP zu gebrauchen bedeutet nicht, einfach eine Tablette am Tag einzunehmen. Schon die Entscheidung für oder gegen die PrEP ist ein komplexer Prozess, bei dem objektiv messbare Faktoren eine ebenso wichtige Rolle spielen sollten wie subjektiv-seelische. Daher darf sich die Anwendung der PrEP nicht nur auf das Ausstellen eines Rezepts beschränken, sondern sie bedarf einer ganzheitlichen ärztlichen Betreuung, die von mit der HIV -Thematik vertrauten Ärzten durchgeführt werden sollte.

Mögliche Vorteile der PrEP auf seelischer Ebene

Weniger Angst:

Der wesentliche und für die meisten Nutzer entscheidende seelische Vorteil der PrEP besteht in einer Entlastung von der Furcht vor einer HIV -Infektion. Gerade etwas ältere schwule Männer, die bereits ihre ersten sexuellen Erfahrungen unter dem Eindruck der Aids-Krise gemacht haben, erleben so erstmals im Leben Sex ohne Angst – vielleicht auch erstmals Sex ohne Kondom. Dies wird als enorme Befreiung erlebt. Im Internet finden sich zahlreiche, teilweise ausgesprochen berührende Erfahrungsberichte von Nutzern, die das beschreiben.

Mehr Nähe und Intimität:

Ein weiterer Effekt auf der seelischen Ebene ist eine größere Intimität und Nähe zum Partner, die viele Nutzer der PrEP beschreiben. Dies wird einerseits durch den Verzicht auf mechanische Barrieren wie das Kondom möglich. Kondomgebrauch ist eine seit Beginn der Aids-Krise genutzte Kompromisslösung und für die meisten eine mehr oder weniger störende Notwendigkeit, die durch andere Schutzmethoden – wie die PrEP – verzichtbar werden kann. Auch beim Sex weniger mit der eigenen Angst beschäftigt zu sein und den Partner nicht mehr als potenzielle Bedrohung zu empfinden, können weitere Gründe für das größere Gefühl von Nähe sein, das manche PrEP-Nutzer beschreiben. Dies kann insbesondere in festen Beziehungen zwischen serodiskordanten Partnern (Bei einer serodiskordanten Partnerschaft ist nur einer der Partner HIV -positiv und der andere negativ) als Geschenk erlebt werden.

Weniger Diskriminierung von HIV -Positiven:

In einer kleinen Studie mit der Dating-Plattform „Grindr“ wurde u.a. die Einstellung von Nutzern gegenüber HIV -negativen und HIV -positiven sowie PrEP gebrauchenden Personen untersucht. (Quelle: Golub SA, Lelutiu-Weinberger C, Surace (2018) A Experimental Investigation of Implicit HIV and Preexposure Prophylaxis Stigma. JAIDS 77: 264-271) Dabei zeigten User auf PrEP weniger diskriminierende Einstellungen gegenüber HIV -positiven Profilinhabern. Dies wurde so verstanden, dass die Diskriminierung von Positiven (auch) eine Folge der Angst vor HIV ist und dass der Gebrauch der PrEP diese Angst in den Hintergrund treten lässt.

Schutz für Menschen mit Schwierigkeiten beim Kondomgebrauch:

Nicht wenige Menschen erleben beim Kondomgebrauch ersthafte Schwierigkeiten, welche die Freude an der Sexualität stark beeinträchtigen oder den Verkehr gar unmöglich machen. Meistens handelt es sich dabei um den Verlust der Erektion beim Versuch, ein Kondom zu benutzen. Hier kann die PrEP eine hilfreiche Alternative zum Kondomgebrauch sein.

Lesetipp:

Matt Cain, Sex Without Fear und „Meine PrEP-Geschichte“.

Danksagung

Der Autor dankt Thomas Steinbusch, früherer ehrenamtlicher Mitarbeiter der Aidshilfe, sowie den Kolleginnen und Kollegen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV -Infizierter e. V. (dagnä) und der Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV -Infizierter Nordrhein e.V. (näagno) für die hilfreichen Anregungen und die offene Diskussion.

Autor: Dr. Steffen Heger


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