Schutz vor HIV durch Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Vor- und Nachteile auf körperlicher Ebene

Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist die jüngste unter den drei Safer-Sex-Methoden, mit denen sich HIV -negative Personen vor einer Ansteckung mit HIV schützen können. Welche Vor- und Nachteile hat die neue Schutzmethode auf körperlicher Ebene? Und was ist bei der Anwendung zu beachten? Hier die aktuellen Fakten – damit du dir gut informiert eine eigene Meinung bilden kannst.

PrEP als neue Schutzmethode vor HIV
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Welche möglichen Vorteile bringt die PrEP?

Möglicher Rückgang der HIV -Neuinfektionen:

Zuverlässige Einnahme vorausgesetzt, kann die PrEP mindestens so sicher vor einer HIV -Infektion schützen wie der Gebrauch von Kondomen. In Ländern mit weiter Verbreitung der PrEP sinkt die Anzahl der Neuinfektionen mit HIV teilweise dramatisch. In London beispielsweise ist im Jahr 2016 die Rate der HIV -Neudiagnosen um 42% zurückgegangen. Dies wird wesentlich auf die zunehmende Verwendung der PrEP zurückgeführt. Weitere Gründe für den Rückgang der HIV -Neudiagnosen scheinen in der verbesserten Diagnostik und Behandlung anderer STI zu liegen, im zunehmenden Anteil diagnostizierter und wirksam behandelter HIV -Positiver sowie in der besseren Versorgung mit Postexpositionsprophylaxe (PEP). (Quelle: N. Nwokolo et al (2017), Not just PrEP. Lancet HIV 4: e153) Im Vergleich zu London ist der Rückgang in einigen Bundesstaaten Australiens weniger ausgeprägt, liegt aber immer noch bei einem Minus von 11 bis 16% – und das trotz abnehmenden Kondomgebrauchs. 

Der dramatische Rückgang der HIV -Neudiagnosen ist ein zentrales Argument für die weitere Verbreitung der PrEP, die inzwischen von den meisten Experten als „Game Changer“ angesehen wird, d.h. als zukünftig wahrscheinlich wirksamster Beitrag zur Beendigung der HIV -Epidemie.

Mehr HIV -Tests können den Anteil der Late Presenter verringern:

Vor Beginn der PrEP muss zwingend ein HIV -Test durchgeführt werden. Der Wunsch nach einer PrEP kann somit Personen zum Test motivieren, die sich sonst nicht untersuchen lassen hätten. Je mehr Menschen sich testen lassen, umso früher können Infektionen erfasst werden, und umso weniger sogenannte Late Presenter wird es geben. 
Frühere Diagnose und Behandlung bringen für die Betroffenen erhebliche gesundheitliche Vorteile. Sie sind aber auch für die Gesellschaft insgesamt vorteilhaft, denn wer erfolgreich behandelt ist (d.h. Viruslast unter der Nachweisgrenze ), kann die Infektion nicht weitergeben („undetectable = untransmittable“).

Frühere Erfassung anderer sexuell übertragbarer Infektionen (STI): 

Im Rahmen der PrEP sollen die Nutzer alle 3 Monate nicht nur auf HIV , sondern auch auf andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) untersucht werden. Damit steigt die Chance, auch symptomlose STI festzustellen und behandeln zu können. Davon erhofft man sich einen Rückgang der in den letzten Jahren (und zwar bereits lange vor Einführung der PrEP) erheblich gestiegenen STI-Raten . Da unbehandelte STI das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, um ein Vielfaches erhöhen, kann ihre Früherkennung und -behandlung auch das HIV -Risiko senken.

Welche möglichen Nachteile kann die PrEP haben?

Mögliche Nebenwirkungen der verwendeten Medikamente: 

Bei der PrEP handelt es sich um ein Medikament, das in der Regel gut vertragen wird. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten. Am häufigsten werden insbesondere zu Beginn Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall sowie leichter Gewichtsverlust beobachtet. Auch Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Müdigkeit und Hautausschlag wurden beschrieben. Solche Nebenwirkungen sind häufig auf die Anfangsphase beschränkt und verschwinden meistens von allein. Ernsthafter können Nierenfunktionsstörungen sein, die zwar selten sind, aber häufig mit monatelanger Verzögerung nach Therapiebeginn auftreten können. Daher müssen die Nierenwerte in regelmäßigen Abständen überprüft und die Einnahme potenziell nierenschädigender Arzneimittel (dazu gehören z.B. manche Antibiotika, aber auch bestimmte frei verkäufliche Schmerzmittel) vermieden werden. Zu den möglichen Langzeitnebenwirkungen gehört außerdem eine Abnahme der Knochendichte, die etwa nach zweijähriger Behandlung nachweisbar wird. Die klinische Bedeutung dieser Nebenwirkung (denkbar wäre z.B. ein erhöhtes Risiko für Knochenbrüche) ist noch unklar.

Mögliches erhöhtes Risiko anderer sexuell übertragbarer Infektionen: 

Erwartungsgemäß verzichten Nutzer der PrEP häufiger (aber bei weitem nicht immer!) auf den Gebrauch von Kondomen als Personen, die keine PrEP einnehmen. Wenn auf Kondome verzichtet wird, besteht ein erhöhtes Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) anzustecken, denn die PrEP schützt ausschließlich vor HIV und nicht vor anderen STI. Wieviel höher dieses Risiko für PrEP-User tatsächlich ist, wird kontrovers diskutiert. Schließlich schützt auch das Kondom nur begrenzt vor anderen STI, und die deutliche Zunahme von STI unter MSM  war bereits lange vor der PrEP-Ära zu verzeichnen. Dennoch sollten PrEP-Nutzer alle 3 (bis 12) Monate auf Hepatitis C, Syphilis, Tripper und Chlamydien untersucht werden. Man sollte STI keineswegs verharmlosen. Aber sie sind meist heilbar – im Gegensatz zu HIV . Die Befürchtung, durch den Gebrauch der PrEP könnte es zu einer weiteren deutlichen Häufung von STI kommen, ist auch ein Grund, warum die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Gegensatz zur Deutschen AIDS-Hilfe derzeit noch darauf verzichtet, die PrEP zu propagieren .

Fehlerhafte Anwendung: 

Die Sicherheit der PrEP ist abhängig von der zuverlässigen Einnahme der Tabletten. Mit jeder ausgelassenen oder vergessenen Tablette sinkt auch die Schutzwirkung. Außerdem benötigt die PrEP nach Einnahmepausen (z.B. in Phasen verringerter sexueller Aktivität) wieder eine gewisse Zeit, bis der maximale Schutz erreicht ist. Wie lange diese Anlaufzeit genau dauert, ist derzeit nicht bekannt. Daher reichen die Empfehlungen von 1 bis zu 7 Tagen bei Männern. Es besteht Einigkeit, dass die Schutzwirkung der PrEP bei Männern schneller einsetzt als bei Frauen, bei denen man von einer etwa dreiwöchigen Anlaufzeit ausgeht. 
Vorläufige Ergebnisse einer Beobachtungsstudie der Universität Duisburg-Essen liefern deutliche Hinweise, dass die PrEP in vielen Fällen nicht so angewendet wird, wie ärztlich empfohlen. Etwa 60% der Nutzer scheinen die Tabletten nicht regelmäßig (eine Tablette pro Tag) einzunehmen. Hier besteht unter Umständen das Risiko einer unvollständigen Schutzwirkung. (Quelle: H. Streeck, PrEP in Deutschland – Wo stehen wir? Vortrag beim dagnä-Workshop, 7.9.2018 in Köln)

Fazit:

Die PrEP stellt im Sinn von „Safer Sex 3.0“ eine hochwirksame Erweiterung der Möglichkeiten dar, sich vor einer Infektion mit HIV zu schützen. Sie wird von vielen Experten als der „Game Changer“ auf dem Weg zu einer Beendigung der HIV -Epidemie angesehen. 

Die PrEP zu gebrauchen bedeutet nicht, einfach eine Tablette am Tag einzunehmen. Schon die Entscheidung für oder gegen die PrEP ist ein komplexer Prozess, bei dem objektiv messbare Faktoren eine ebenso wichtige Rolle spielen sollten wie subjektiv-seelische. Daher darf sich die Anwendung der PrEP nicht nur auf das Ausstellen eines Rezepts beschränken, sondern sie bedarf einer ganzheitlichen ärztlichen Betreuung, die von mit der HIV -Thematik vertrauten Ärzten durchgeführt werden sollte. 

Autor: Dr. Steffen Heger
 


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