Die HIV -Infektion outen: Das zweite Coming-Out

Die meisten HIV -Positiven hierzulande sind Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Viele betrachten ihre sexuelle Vorliebe als wichtigen Teil ihrer Identität und haben daher den Wunsch, offen damit umzugehen. Andere haben sich gegen das Coming-Out entschieden. Genauso verhält es sich mit der Offenlegung einer HIV -Infektion. Welche Fakten können dir bei der Entscheidung helfen?

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Wer mit seinem Schwulsein oder seiner Bisexualität offen umgeht, hat bereits Erfahrungen mit dem Coming-Out in unterschiedlichen Zusammenhängen gemacht. Häufig wird die Art dieser Erfahrungen auch deine Entscheidung beeinflussen, die HIV -Infektion offenzulegen oder nicht. Für den Umgang damit gibt es kein Patentrezept, daher wird das HIV -Coming-Out immer eine individuelle Entscheidung sein. Es ist gut, wenn du dir die Zeit nimmst, die du dafür benötigst.

Der Hauptgrund für eine Geheimhaltung der Infektion ist – genauso wie beim „ersten“ Coming-Out – die Furcht vor Ablehnung, Zurückweisung und Stigmatisierung oder anderen Nachteilen, zum Beispiel im Berufsleben.

Für ein Outing spricht vor allem die damit verbundene Chance, Einsamkeit und Isolation aufzubrechen und stattdessen soziale Unterstützung zu erfahren.

Autor: Dr. Steffen Heger

 

Wem erzähle ich von meiner HIV -Infektion?

In der Partnerschaft werden sich wohl die meisten Betroffenen dem Partner mitteilen. Das ist eine Frage des Vertrauens und der Verantwortung. Wenn der Partner negativ ist, muss besprochen werden, wie er oder sie vor Ansteckung geschützt werden kann. Das ist entweder durch Safer Sex möglich, oder wenn der Positive unter einer wirksamen Behandlung als nicht mehr infektiös gilt. Komplizierter wird es, wenn der Partner bisher nicht darüber informiert war, dass du sexuelle Kontakte außerhalb der Beziehung hast. Das kann gerade auch bei Männern der Fall sein, die ein Doppelleben führen, indem sie zum Beispiel in einer festen heterosexuellen Beziehung leben und daneben sexuelle Kontakte zu Männern haben. Hier kann die Mitteilung der Infektion zu einer Krise in der Partnerschaft führen. Dennoch führt wohl kaum ein Weg daran vorbei, den Partner ins Vertrauen zu ziehen.
Bei One-Night-Stands oder anderen gelegentlichen sexuellen Kontakten bist du nicht verpflichtet, deine Infektion mitzuteilen, sofern du Safer Sex praktiziert.  Das ist insbesondere deswegen wichtig, weil viele Positive aufgrund ihrer Infektion Zurückweisungen durch Sexualpartner befürchten oder erlebt haben.
Häufig sind gerade nach Diagnosemitteilung gute Freunde die wichtigste Stütze. Es ist daher von unschätzbarem Wert, wenn du dich einem oder mehreren Freunden anvertrauen kannst. Natürlich kannst du nur selbst einschätzen, wer von ihnen voraussichtlich in der Lage sein wird, angemessen und diskret mit dieser Information umzugehen. Wenn du im Freundeskreis andere Positive hast, könnten sie die ersten Ansprechpartner sein. Du musst dich aber nicht mitteilen, wenn du das nicht möchtest. Das gilt auch in anderen sozialen Zusammenhängen, wie zum Beispiel im Sportverein.  
Bei der eigenen Familie hängt es natürlich davon ab, welches Verhältnis du zu deinen Eltern, Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern hast. Vielleicht ist ein Familienmitglied deine wichtigste Vertrauensperson. Wenn die Beziehung zur eigenen Familie dagegen ohnehin kompliziert oder gar zerrüttet ist, wirst du dich eher gegen eine Mitteilung deiner Infektion entscheiden. Mache dir klar, dass es keinen Grund für übereilte Entscheidungen und Mitteilungen gibt. Erinnere dich an dein „erstes“ Coming-Out als schwuler oder bisexueller Mann: Auch da hast du dir vermutlich Zeit gelassen und nicht alle gleichzeitig informiert.
In Bezug auf den Arbeitsplatz kann man keine allgemein gültige Empfehlung geben. In der Regel wird dies der Lebensbereich sein, indem du mit der Offenlegung deiner Infektion am vorsichtigsten sein solltest. Du bist nicht verpflichtet, den Arbeitgeber über die Infektion zu informieren. Es gibt keinen Beruf, den du nur aufgrund der Infektion nicht mehr ausüben könntest. Sogar ein positiver Chirurg kann problemlos weiterarbeiten, wenn seine Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt. 
Schließlich bleibt noch das Gesundheitswesen anzusprechen. Es ist grundsätzlich wünschenswert, dass du deine behandelnden Ärzte (zum Beispiel den Augenarzt, Hautarzt oder Zahnarzt) über deine HIV -Infektion genauso informierst wie über jede andere chronische Erkrankung. Sie können dann besonders auf Symptome und Auffälligkeiten achten, die im Zusammenhang mit HIV -Infektionen gehäuft vorkommen. Das ist also in deinem Interesse. Leider gibt es noch immer Berichte von HIV -Positiven, die im Gesundheitswesen Diskriminierungen erlebt haben. Deine örtliche Aidshilfe kann dich gegebenenfalls beraten, wo du Ärzte findest, die kein Problem im Umgang mit HIV -Positiven haben.
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