HIV und Flucht: Noch lange keine Chancengleichheit

Von den etwa 85.000 HIV -positiven Menschen in Deutschland haben 13 % einen Migrationshintergrund. Etwa die Hälfte von ihnen kommt aus Subsahara-Afrika. Sowohl was die Diagnostik der HIV -Infektion als auch deren Behandlung betrifft, sind Geflüchtete gegenüber Bundesbürgern aus verschiedenen Gründen deutlich benachteiligt. Welche Hürden gilt es zu überwinden?

Hilfen für HIV-positive Flüchtlinge
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Zur besonderen Situation HIV -positiver Flüchtlinge 

Viele HIV -positive Geflüchtete kommen aus Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung und gleichzeitig ausgeprägter Stigmatisierung der von HIV betroffenen Menschen. Bei vielen von ihnen wird die Diagnose erstmals nach der Ankunft in Deutschland gestellt. So genannte Late Presenter (Erstdiagnose bei bereits deutlich fortgeschrittenem Immundefekt mit niedriger CD4-Zahl und/oder Aids-definierenden Erkrankungen) sind daher unter Geflüchteten häufiger anzutreffen. Der Anteil an Frauen unter den Betroffenen ist deutlich höher als bei Betroffenen ohne Migrationshintergrund. Da sie häufig gezwungen sind, ihre Infektion zu verheimlichen, stehen sie auch mit der Verarbeitung der Diagnose weitestgehend allein da.

Was behindert die Versorgung HIV -positiver Geflüchteter?

Zunächst erschweren in vielen Fällen unzureichende Sprachkenntnisse und fehlende Information über das Sozial- und Gesundheitssystem die Versorgung. Häufig machen auch Geldmangel (z. B. Reisekosten von den oft abgelegenen Unterkünften in die nächste Großstadt) oder Ängste das Aufsuchen geeigneter medizinischer Einrichtungen unmöglich.

Ein erschreckend großer Anteil der Geflüchteten verfügt nicht über eine gültige Krankenversicherung (je nach Studie zwischen 53 und 68 %) und kann daher das allgemeine Gesundheitssystem nicht nutzen. Der Anspruch auf medizinische Leistungen ist abhängig vom aufenthaltsrechtlichen Status. Zum Beispiel besteht in ersten 15 Monaten kein Anspruch auf Psychotherapie – und dies bei einer Personengruppe, die überdurchschnittlich häufig durch Erfahrungen in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht schwer traumatisiert ist.

In der Regel müssen Asylbewerber sich jeden einzelnen Arztbesuch vom zuständigen Amt vorher genehmigen lassen. Dies stellt natürlich eine enorme Hürde für den Arztbesuch dar, insbesondere wenn es um ein so sensibles Thema wie HIV geht.

Neben solchen institutionell-bürokratischen Hindernissen spielen aber auch die soziale Kontrolle und Stigmatisierung innerhalb von Gemeinschaftsunterkünften eine bedeutende Rolle: So müssen Besuche in einer Schwerpunktpraxis oft mühsam verheimlicht werden, um Ausgrenzung zu vermeiden.

Hilfen für HIV -positive Flüchtlinge 

Zunächst gilt es, auf institutioneller Ebene die Lebensbedingungen geflüchteter Menschen zu verbessern. Konkret bedeutet das z. B. einen verbesserten Schutz von Frauen und Mädchen und LGBTQ*-Bewohnern in den Gemeinschaftsunterkünften. Außerdem müssen integrative Konzepte zur Förderung der (sexuellen) Gesundheit entwickelt werden. Dazu gehören insbesondere die Schaffung von mehr Therapieplätzen und eine bessere finanzielle Ausstattung der Arbeit mit traumatisierten Menschen.

Im Einzelfall ist zunächst die Einbeziehung eines Dolmetschers bzw. Sprachmittlers ebenso hilfreich wie die Zusammenarbeit mit Migrationsdiensten und ehrenamtlichen Helfern. Aber nicht nur die Sprachunterschiede sind zu berücksichtigen, sondern auch grundlegende kulturelle Verschiedenheiten: Die medizinische und psychotherapeutische Versorgung kann nur gelingen, wenn man den kulturellen Hintergrund des Betroffenen berücksichtigt. Dazu gehören auch die individuellen Krankheits- und Behandlungsvorstellungen, die sich zum Beispiel bei einem Westafrikaner ganz grundlegend von denen eines Mitteleuropäers unterscheiden können.

* LGBTI ist die Abkürzung für die englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und Intersexual (deutsch: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/transgender und intersexuell)

Autor: Dr. Steffen Heger

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