HIV und Homophobie bzw. Homonegativität : Prävention und Behandlung

Wenn HIV -Präventionsarbeit langfristig erfolgreich sein soll, darf sie nicht nur beim Einzelnen ansetzen, sondern muss die gesamtgesellschaftliche Situation berücksichtigen. Der Grund: Sexuelle Minderheiten sind besonderem Stress ausgesetzt. Dieser Stress erwächst aus gesellschaftlichen Strukturen und Einstellungen gegenüber diesen Minderheiten, die noch immer häufig von mehr oder weniger offener Ablehnung geprägt sind. Das Erleben der Ablehnung wirkt sich nicht nur auf das Lebensgefühl, sondern auch auf das Verhalten der Betroffenen aus.

Stop Homophobia
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Was ist Homophobie bzw. Homonegativität

Von weiten Teilen der Gesellschaft werden Heterosexualität, heterosexuelle Werte und Lebensformen als „normal“, als höherwertig und überlegen betrachtet. Meist wird diese Einstellung nicht bewusst reflektiert, sondern unbewusst als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Dies bezeichnet man als Heteronormativität oder Heterosexismus.

Ein Teil der heterosexuellen Gesellschaft geht ablehnend oder gar feindselig mit Homosexuellen um. Solche ablehnenden Einstellungen oder Verhaltensweisen nannte man früher „Homophobie “, was jedoch irreführend ist, weil es sich in der Regel nicht um eine Phobie im psychiatrischen Sinn handelt. Inzwischen spricht man daher von „Homonegativität “.

Laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2013 erlebten 46 % der deutschen LGBTQ im vorangegangenen Jahr Ablehnung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung bzw. Identität. HIV -Positive sind als „Minderheit innerhalb der Minderheit“ noch stärker von Erfahrungen der Zurückweisung und Ausgrenzung betroffen. Im Projekt „positive stimmen“ gaben 42 % von über 1.000 interviewten Männern an, im letzten Jahr ein niedriges Selbstwertgefühl aufgrund ihrer HIV -Infektion gehabt zu haben, und 47 % berichteten von sexueller Zurückweisung aufgrund ihres HIV -Status.

Folgen der Homophobie bzw. Homonegativität

Die Folgen von Heteronormativität und Homonegativität auf die seelische Entwicklung homosexueller Menschen werden regelhaft unterschätzt. Sätze wie „Ist doch heute alles kein Problem mehr“ verharmlosen die Belastung, die mit dem Aufwachsen als Teil einer (sexuellen) Minderheit einhergeht.

Eine besonders häufige Folge ist die mehr oder weniger unbewusste Übernahme ablehnender Einstellungen gegenüber Homosexualität durch die Schwulen oder Lesben selbst. Diese Identifikation mit der feindseligen Umwelt, die letztlich zu einer Selbstablehnung führt, wird als „Internalisierte Homonegativität “ bezeichnet. Psychologische Studien fanden bei etwa 30% der Homosexuellen eine leicht ausgeprägte internalisierte Homonegativität , bei 70 % dagegen ein mittleres bis hohes Ausmaß. 0 % waren frei von dieser Form der Selbstablehnung. Internalisierte Homonegativität kann sich zum Beispiel in Sätzen äußern wie „Mir sieht man es gar nicht an / Ich bin heterolike“, „Ich mag die schwule Szene nicht“ oder auch „HIV -Infizierte sind doch selber schuld“.

Auf der Verhaltensebene zeigen Menschen mit einem höheren Maß Internalisierter Homonegativität vor allem ein riskanteres Gesundheitsverhalten, das von geringerer Selbstfürsorge geprägt ist:

Sie verhalten sich in der Sexualität risikobereiter, weshalb HIV -Infektionen und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) bei ihnen häufiger beobachtet werden.

Auch Drogenkonsum / Chemsex wird häufiger praktiziert mit entsprechenden Risiken.

Sie machen seltener einen HIV -Test, was zu einer Verschleppung der Diagnose und damit zu schlechteren Behandlungsaussichten führen kann.

Vernetzung als Ausweg  

Die erlebten Ausgrenzungen, Zurückweisungen und Diskriminierungen lassen sich nicht ungeschehen machen. Es kann aber gut tun, sich später im Leben rückblickend damit auseinanderzusetzen, zum Beispiel im Rahmen einer Psychotherapie . Ziel einer solchen Behandlung könnte auch sein, unbewusste Internalisierte Homonegativität bewusst zu machen, somit ihre zerstörerische Kraft auf die eigene Gesundheit zu entschärfen und zu einem liebevolleren und fürsorglicheren Umgang mit sich selbst zu finden.

Darüber hinaus ist die Vernetzung und Solidarisierung innerhalb der Minderheit eine sehr wirksame Strategie, zu einem stabileren Selbstbewusstsein und zu einem zufriedeneren Lebensgefühl zu finden. Das kann im einfachsten Fall ein Freundeskreis mit LGBTQ-Menschen sein. Oder ein entsprechender Sportverein. Äußerst hilfreich sind auch Selbsthilfegruppen, die es je nach Lebenssituation zum Beispiel als Coming-out-Gruppen, als Positivengruppen oder als Gruppen für bisexuelle Männer gibt.

Auswahl an Sportvereinen

Autor: Dr. Steffen Heger

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