Schuldgefühle, Scham und Selbsthass bei HIV -Patienten

Im Zusammenhang mit HIV spielen fast immer Schuld- und Schamgefühle eine Rolle. Sie haben gerade im Leben homosexueller Menschen oft eine längere Vorgeschichte. Wie entstehen diese Gefühle, welche Auswirkungen haben sie, und wie kann man damit umgehen?

Schamgefühle bei HIV-Positiven
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Im Laufe unserer Kindheit und Jugend entwickeln wir vor allem durch die Rückmeldungen, die wir von anderen über uns erhalten, eine Vorstellung davon, wer und wie wir sind. Daraus entsteht unser Selbstbild. Verläuft diese Entwicklung ungestört, kennen wir als Erwachsene unsere Vorlieben und Abneigungen, unsere charakterlichen Vorzüge und Schwächen. Wir wissen, was wir gut und was wir nicht so gut können. Vor allem lernen wir, uns mit diesen Licht- und Schattenseiten anzunehmen und uns selbst zu mögen.

Leider erhalten viele homosexuelle Menschen bereits in ihrer Kindheit negative Rückmeldungen, weil sie häufig schon früh in manchen Aspekten anders sind und sich anders verhalten als ihre heterosexuellen Altersgenossen. Hinzu kommt, dass Schwule und Lesben in einer überwiegend heterosexuell geprägten Umwelt aufwachsen und so täglich ihr Anderssein vor Augen geführt bekommen. Vor allem wenn dieses Anderssein von anderen negativ bewertet wird, kann sich im Selbstbild die Überzeugung festsetzen, „nicht normal“, „nicht richtig“ oder sogar „nicht liebenswert“ zu sein. Die kritischen Rückmeldungen werden so in negative Selbstbewertungen umgewandelt und münden in ein negatives Selbstbild. Falls es dir auch so geht, hast du dich vermutlich mit Bezugspersonen identifiziert, die dir früher gespiegelt haben, dass du nicht liebenswert wärst, und du hast ihr negatives Urteil unbewusst übernommen. Das ist die Basis so schmerzhafter Gefühle wie Scham , Schuld und im schlimmsten Fall sogar Selbsthass.

Nun versucht unsere Seele, uns vor solchen unangenehmen Gefühlen zu schützen. Sie werden verdrängt und sind uns daher häufig im Alltag nicht bewusst. Das ist zunächst ein normaler Vorgang und dient dem Selbstschutz. Gerade in seelischen Krisensituationen können diese Mechanismen jedoch versagen. Dann bricht plötzlich hervor, was jahre- oder jahrzehntelang unter der Oberfläche schlummerte.

Seelische Krisen durch Schuld- und Schamgefühle bei HIV -Positiven

So ist zu erklären, dass viele Menschen nach einer HIV -Diagnose in eine depressive Krise geraten, in der Schuld- und Schamgefühle eine wichtige Rolle spielen. Sie werfen sich ihr Anderssein vor, als dessen Folge sie die Infektion erleben. Natürlich ist hier auch die innere Haltung zur Sexualität bedeutsam. Wer seine Sexualität ohnehin schon immer als etwas Verbotenes und Ablehnenswertes erlebt hat, wird im Fall einer HIV -Infektion noch viel eher zu Selbstvorwürfen neigen. Häufig sind auch solche inneren Haltungen nicht bewusst, sondern sie kommen erst in der Krisensituation zum Vorschein.

Um sich seelisch wieder zu stabilisieren, kann es in diesen Fällen hilfreich sein, sich mit den Erfahrungen von Ablehnung und Zurückweisung in der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen, wie daraus Schuld- und Schamgefühle sowie Selbsthass entstanden sind. Das kann nicht von heute auf morgen gelingen, sondern es handelt sich in der Regel um einen längeren Prozess. Dabei kann die Solidarisierung in der Szene und in Selbsthilfegruppen sehr helfen. Auch eine Psychotherapie kann dich bei der Korrektur deines negativen Selbstbildes und bei der Verarbeitung von Schuld- und Schamgefühlen unterstützen. In der Regel wird das auch zum Akzeptieren deiner Infektion und zum selbstbewussten Umgang damit beitragen und dir dabei helfen, selbstschädigende Verhaltensweisen aufzugeben.

Buchtipp: Alan Downs, The Velvet Rage, Da Capo Press, Boston 2012

Autor: Dr. Steffen Heger

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