Chemsex und HIV : Schutz vor vermeidbaren Problemen

Gerade für Menschen mit HIV birgt Chemsex eine Reihe von Risiken. Viele davon sind vermeidbar. Wenn du zum Sex Drogen nimmst, solltest du deshalb über geeignete Vorsichtsmaßnahmen gut informiert sein.

Safer Use-Regeln bei Chemsex
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Befragungen von Menschen, die manchmal oder häufig Drogen zum Sex gebrauchen (Chemsex ), haben gezeigt, dass die meisten ihre ersten Erfahrungen unvorbereitet im Rahmen von Online-Dates gemacht haben. Wenn du dich für Chemsex entscheidest, solltest du aber möglichst vorher genau wissen, was du tust. Denn einige der mit dem Drogengebrauch verbunden Risiken sind durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen vermeidbar. Man spricht dann von „Safer Use“.

Chemsex : Welche Risiken bestehen?

Überdosierung

Gerade bei unerfahrenen Usern kommt es immer wieder zu versehentlichen Überdosierungen. Diese sind insbesondere bei sedierenden (das Bewusstsein dämpfenden) Substanzen lebensgefährlich, weil sie zu Bewusstlosigkeit und Atemstillstand führen können. Beim Gebrauch von GBL/GHB kommt es beispielsweise nicht selten zu Todesfällen.

Unsichere Quellen

Die meisten zum Chemsex konsumierten Drogen kommen vom Schwarzmarkt. Daher gibt es keine Sicherheit, welche Substanzen wirklich enthalten sind und wie hoch ihre Dosierung ist. Mit anderen Worten: Häufig ist nicht das drin, was draufsteht. Das macht die Wirkung schwer berechenbar.

Wechselwirkungen mit Arzneimitteln

Einige Drogen wirken anders oder stärker, wenn du bestimmte Arzneimittel einnimmst. Gerade mit den zur Behandlung der HIV -Infektion eingesetzten Arzneimitteln (Antiretrovirale Therapie oder ART) kann es zu derartigen Wechselwirkungen kommen. Es ist auch möglich, dass Drogen den Abbau der ART beschleunigen, so dass deren Wirkung beeinträchtigt wird und letztlich deine Viruslast steigen kann.

Gesteigerte Risikobereitschaft

Viele Drogen führen zu einem Glücksgefühl und steigern die Risikobereitschaft. In dieser Situation fällt es schwer, die Safer-Sex-Regeln einzuhalten. Damit steigt das Risiko, dich mit sexuell übertragbaren Infektionen wie HIV , Hepatitis oder Syphilis anzustecken. Wenn du Chemsex machst und HIV -negativ bist, solltest du mit einem Schwerpunktarzt darüber sprechen, ob eventuell eine PrEP für dich sinnvoll ist. (siehe hierzu auch "Kann Präexpositionsprophylaxe (PrEP) vor HIV schützen?"). Beim Gebrauch von Drogen, welche die Schmerzempfindung herabsetzen (wie z. B. Ketamin ), kommt es immer wieder zu unbemerkten Verletzungen beim Sex. Dadurch steigt unter anderem die Infektionsgefahr.

Risiken des intravenösen Konsums (Slammen)

Wenn Spritzen, Nadeln und das zur Zubereitung der Droge verwendete Zubehör mit anderen geteilt werden, können sehr leicht Hepatitis und HIV übertragen werden. Mit Hepatitis C kannst du dich auch beim gemeinsamen Gebrauch von Röhrchen zum nasalen Konsum (Sniefen) anstecken. Bei Injektion unter unsterilen Bedingungen kommt es ein bis mehrere Tage später häufig zu eitrigen Entzündungen an der Einstichstelle (Spritzenabszess). Auch wenn ein Teil der Droge versehentlich neben statt in die Vene gespritzt wird, kann das zu Entzündungen führen.

Abhängigkeit

Alle im Rahmen von Chemsex verwendeten Drogen können entweder psychisch oder körperlich abhängig machen. Das höchste Risiko für eine Abhängigkeit besteht bei intravenösem Gebrauch.

Depression & Co.

Alle Drogen verändern den Hirnstoffwechsel. Daher können sie auch seelische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Psychosen auslösen.

Wie kannst du dich schützen (Safer Use)?

Drogenkonsum kann niemals hundertprozentig sicher sein. Nicht alle Schäden sind vermeidbar. Es gibt aber Wege, einige der vermeidbaren Risiken zu verringern.

Informiere dich! Die wichtigste Regel lautet: Informiere dich rechtzeitig vorher über die Wirkungen und Nebenwirkungen der Drogen, die du gebrauchen möchtest. Dafür gibt es ausführliche Websites wie www.drugscouts.de oder www.saferparty.ch. Du kannst dich auch bei deiner lokalen Aidshilfe in einem persönlichen Gespräch beraten lassen. Die Berater dort sind mit dem Thema Chemsex derzeit meistens noch besser vertraut als allgemeine Drogenberatungsstellen.

Bei intravenösem Gebrauch (Slammen): Verwende nur deine eigene Spritze und dein eigenes Zubehör. Teile diese niemals mit anderen. Viele Aidshilfen geben kostenlos Sets mit sterilem Material ab.

Bei nasalem Gebrauch (Sniefen): Verwende dein eigenes Röhrchen und teile dieses niemals mit anderen. Verwende keine zusammengerollten Geldscheine, weil diese mit zahlreichen Krankheitserregern verschmutzt sind. In den oben erwähnten Sets sind auch saubere Röhrchen enthalten.

Wenn du HIV -negativ bist: Sprich rechtzeitig mit einem in der HIV -Behandlung erfahrenen Arzt darüber, ob für dich eine PrEP zum Schutz vor HIV sinnvoll wäre. Keine Drogen gegen den Kater! Wenn du am Tag nach einer Chemsex -Session in Katerstimmung bist, solltest du keinesfalls wieder zu Drogen greifen, um diesen Zustand zu beenden. Halte durch und warte ab, bis er von allein vergeht. Das ist meistens nach ein bis zwei Tagen der Fall. Wer Drogen nimmt, um den Kater zu vertreiben, ist auf dem besten Weg in die Abhängigkeit . Nimm dir stattdessen lieber Zeit zu überlegen, ob es vielleicht besser wäre, deinen Umgang mit Drogen zu verändern.

Beratung suchen: Wenn du das Gefühl hast, dein Drogenkonsum könnte außer Kontrolle geraten, wende dich an einen Berater bei deiner lokalen Aidshilfe oder an eine Drogenberatungsstelle, die mit dem Thema Chemsex vertraut ist. Woran du erkennst, wann dein Drogenkonsum außer Kontrolle zu geraten droht, erfährst du hier.

Bei seelischen Veränderungen: Wenn du anhaltende (über den „normalen“ Kater hinausgehende) Verschlechterungen deines seelischen Befindens wie z. B. depressive Verstimmungen, Schlafstörungen oder erhöhte Ängstlichkeit an dir bemerkst, zögere ebenfalls nicht lang, dich entweder an eine der oben genannten Beratungsstellen oder an einen niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeuten zu wenden. Es gibt inzwischen immer mehr auf die Chemsex -Thematik spezialisierte Hilfsangebote.

Wenn beim Gebrauch von Drogen ein bedrohlicher körperlicher Zustand (z. B. Ohnmacht bzw. Bewusstlosigkeit) oder eine beängstigende seelische Reaktion bei dir oder einem deiner Partner auftritt, solltest du nicht zögern, die Notrufnummer 112 zu wählen.

Autor: Dr. Steffen Heger

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