HIV und Psyche: Kann HIV die Psyche beeinflussen?

Die Diagnose HIV bzw. ein positives Testergebnis bedeutet für nahezu alle Betroffenen zunächst einen seelischen Schock. Bei einer HIV -Infektion gibt es - wie bei jeder anderen chronischen Erkrankung auch - zahlreiche Wechselwirkungen zwischen körperlicher Erkrankung und psychischem Befinden. Manche sind leicht nachvollziehbar, andere sind komplizierter und nur bei genauerer Betrachtung der persönlichen Lebensgeschichte verstehbar. Doch wie funktioniert das Wechselspiel zwischen HIV und Psyche konkret?

HIV und Psyche: Kann HIV die Psyche beeinflussen?
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Seele und Körper beeinflussen sich bei allen chronischen Erkrankungen gegenseitig. Das bedeutet: Die körperliche Erkrankung kann zu psychischen Reaktionen oder Veränderungen führen. Umgekehrt können aber auch seelische Faktoren den Verlauf der Erkrankung beeinflussen.

Viele Betroffene geraten nach der Mitteilung des positiven Testergebnisses in eine seelische Krise. Am häufigsten sind dabei depressive Reaktionen und Angstreaktionen, die oft mit körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen und Appetitlosigkeit oder auch Zittern und Schweißausbrüchen einhergehen. Nur gelegentlich tritt das Gegenteil auf: eine auffällige Teilnahmslosigkeit bis hin zur Apathie. Dabei handelt es sich jedoch nur zu oft um die (scheinbare) Ruhe vor dem Sturm.

Belastende Situationen im Verlauf der HIV -Infektion

  • Das Outing gegenüber Freunden, der Familie, Arbeitskollegen sowie gegenüber Sexualpartnern: Bei wem will man sich überhaupt outen? Was bedeutet es, die Infektion auf längere Sicht als Geheimnis für sich zu behalten? Wer hier abweisende Reaktionen erlebt, hat ein hohes Risiko, früher oder später eine seelische Erkrankung zu entwickeln.
  • Der Beginn der ART (antiretrovirale Therapie, also medikamentöse Behandlung der HIV -Infektion): Diese Phase stellt die Betroffenen vor eine Vielzahl von Herausforderungen. Dazu gehören die Zuverlässigkeit der Einnahme, der Umgang mit möglichen Nebenwirkungen, die Veränderungen des Körperbildes, die Organisation der pünktlichen Einnahme, aber auch die Akzeptanz der Notwendigkeit einer Dauerbehandlung.
  • Konflikte in der Partnerschaft: Ein wichtiges Konfliktthema bei diskordanten Paaren (ein Partner negativ, der andere positiv) ist die Angst vor Ansteckung. Bei allen Paaren kann es außerdem um den Umgang mit Sexualität sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partnerschaft gehen. Ängste vor dem Verlassenwerden und vor Vereinsamung sind ein großes Thema. Gerade bei Partnerschaftskonflikten spielen frühere Beziehungserfahrungen beider Partner eine zentrale Rolle. Sie sind normalerweise nur vor dem Hintergrund der Lebens- und Beziehungsgeschichte der Betroffenen verstehbar.
  • Erleben von Ausgrenzung: Dies kann in unterschiedlichsten Zusammenhängen und zu jedem Zeitpunkt im Verlauf der Infektion passieren. Gerade bei schwulen Männern können damit alte Wunden früherer Stigmatisierung und altbekannter Außenseitergefühle wieder aufgerissen werden. 
  • Verschlechterung des Gesundheitszustandes bzw. Hinzutreten anderer Erkrankungen: Es ist fast unvermeidlich, dass bei Veränderungen des Gesundheitszustandes Sorgen und Ängste geweckt werden. Problematisch ist vor allem, wenn diese Ängste zu einer Panik führen, die zielgerichtetes Verhalten, wie z. B. notwendige Arztbesuche und Behandlungen, blockiert.

Wie gut die betroffene Person mit solchen schwierigen Situationen zurecht kommt, hängt unter anderem davon ab, wie seelisch stabil sie vor der Infektion war und wie viel soziale Unterstützung sie durch Freunde, Familie, Partner oder Kollegen erlebt.

Wie psychische Faktoren den Krankheitsverlauf von HIV beeinflussen können

In umgekehrter Richtung kann sich die seelische Gesundheit auch auf den Verlauf der HIV -Infektion auswirken. Depressive Menschen neigen zum Beispiel häufiger dazu, die Einnahme ihrer Medikamente zu vergessen. Betroffene, die unter einer Angststörung leiden, sind anfälliger für Nebenwirkungen der Behandlung. Es gibt auch Hinweise, dass Depressionen die Funktion des Immunsystems verschlechtern.

Autor: Dr. Steffen Heger

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