HIV und Psychotherapie : Therapiebedarf erkennen

Wann sind Gefühle noch normal und wann krankhaft und damit behandlungsbedürftig? Während sich die Grenze zwischen gesund und krank beispielsweise beim Blutdruck oder bei Laboruntersuchungen anhand definierter Messwerte ziehen lässt, gibt es solche eindeutigen Grenzen im Seelenleben nicht. Woran kann man also festmachen, ob ein Zustand noch normal oder schon behandlungsbedürftig ist?

HIV und Psychotherapie: Therapiebedarf erkennen
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Seelisches Erleben ist kaum objektiv messbar. Wenn es um Stimmungen, Empfindungen, Erleben und Verhalten geht, hat fast jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen davon, was gesund und normal ist. Es ist ganz natürlich, dass man dabei sich selbst und sein eigenes Verhalten als Maßstab nimmt. So fallen uns „Abweichungen von der Norm“ bei anderen Menschen oft eher auf als bei uns selbst.

Was der eine vielleicht noch als normal verhaltene Stimmung erlebt, wird der andere schon als depressiv empfinden. Was der eine als „rege Fantasie“ ansieht, wird für den anderen schon „Spinnerei“ sein. Jeder Mensch kennt sich, seinen „Normalzustand“ und seine gewohnte Schwankungsbreite. Es gibt keine eindeutige Grenze zwischen gesund und krank.

Um seelische Störungen dennoch nachvollziehbar diagnostizieren zu können, hat man sich auf bestimmte Kriterien festgelegt. Damit sich der Psycho-Fachmann ein Bild von deinem Befinden machen kann, ist er zum einen auf deine subjektiven Beschreibungen angewiesen und zum anderen auf seine Beobachtungen. Am Ende der Untersuchung wird er dir mitteilen können, wie er die Situation einschätzt. Interessant wird dann sein, ob ihr zu einem übereinstimmenden Ergebnis kommt.

Benötige ich eine Psychotherapie ?

  • Spürst du weniger Lebensfreude? Fühlst du dich unwohl mit dir selbst, deinem Körper, den Menschen in deiner Umgebung oder deiner Lebenssituation im Allgemeinen?
  • Bist du in deinen sozialen Funktionen beeinträchtigt, also z.B. hinsichtlich der Arbeit und deinen sozialen Kontakten in Familie und Freundeskreis? Bist du evtl. weniger leistungsfähig oder gar arbeitsunfähig?
  • Hast du hier in letzter Zeit eine Verschlechterung im Vergleich zu früher festgestellt?
  • Hast du in letzter Zeit besorgte Rückmeldungen von anderen erhalten, weil sie Veränderungen an dir wahrgenommen haben? Oder ist es deswegen häufiger zu Konflikten zwischen dir und deinem Umfeld gekommen?
  • Laufen bestimmte Dinge in deinem Leben (zum Beispiel Kontakte oder Beziehungen) immer wieder nach demselben Muster schief?
  • Hast du dich in letzter Zeit ein oder mehrmals in einem vorübergehenden seelischen Ausnahmezustand befunden, der dich selbst oder andere sehr beunruhigt hat?
  • Hast du das Gefühl, mit deinem Leben in einer Sackgasse zu sein, aus der du allein nicht wieder herausfindest?
  • Beginnt dein Substanzkonsum (z.B. Alkohol, Drogen) schädliche Wirkungen auf deine Stimmung, deinen Körper, deinen Beruf oder deine sozialen Beziehungen auszuüben?
  • Nehmen bestimmte Verhaltensweisen (z.B. Glücksspiel, Internet-Nutzung, Sex-Dates) mehr Raum ein, als du das eigentlich möchtest?

Wenn du eine oder mehrere dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet hast, spricht das für einen Therapiebedarf. Zumindest wäre es sinnvoll, die Einschätzung eines Psycho-Fachmannes dazu einzuholen.

Es geht bei der Behandlung seelischer Störungen nicht darum, dich in eine Norm zu pressen oder dich angepasst zu machen. Ziel der Behandlung ist in erster Linie die Besserung deines subjektiven Befindens, die Steigerung deiner Zufriedenheit und Lebensqualität.

Autor: Dr. Steffen Heger

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