HIV und Psychotherapie : Welche Therapie ist für mich geeignet?

Wenn die Entscheidung für eine Psychotherapie gefallen ist, stellt sich nicht nur die Frage nach dem richtigen Therapeuten, sondern auch nach dem geeigneten Therapieverfahren. Wer im Internet recherchiert, findet eine verwirrende Vielzahl von Methoden. Wie kannst du als HIV -Patient einen Überblick gewinnen und die für dich geeignete Behandlung finden?

HIV und Psychotherapie: Welche Therapie ist für mich geeignet?
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Expertengremien haben untersucht, welche Verfahren in der Behandlung seelischer Störungen nachweislich wirksam sind. Sie haben damit gewissermaßen eine Vorauswahl für dich getroffen. Man unterscheidet psychodynamische und verhaltenstherapeutische Verfahren, die jeweils sowohl als Einzel- wie auch als Gruppentherapien durchgeführt werden können. Außerdem wird Psychotherapie nicht nur ambulant, sondern in bestimmten Fällen auch im stationären Rahmen durchgeführt.

Psychotherapieverfahren im Überblick

Die nachweislich wirksamen Psychotherapieverfahren lassen sich vereinfachend in zwei Gruppen einteilen:

Psychodynamische Verfahren:

Diese (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapie ) basieren auf der Annahme, dass unser Seelenleben nicht nur auf bewussten und vernunftgesteuerten Abläufen beruht, sondern ganz wesentlich mitbestimmt wird von unbewussten Vorgängen. Dieser Ansatz geht letztlich auf Sigmund Freuds Arbeiten zurück. Die psychodynamischen Verfahren haben sich aber seit Freuds Zeiten enorm weiterentwickelt und differenziert. In einer psychodynamischen Therapie wird insbesondere an deiner Beziehungsgestaltung und an den Konflikten zwischen dir und deinen Bezugspersonen gearbeitet. Aber auch noch grundlegendere Fragen wie zum Beispiel der Umgang mit bestimmten Gefühlen und dein Selbstbild spielen eine wichtige Rolle.

Verhaltenstherapie :

Verhaltenstherapie ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Verfahren, die bestimmte Gemeinsamkeiten haben. Sie basieren auf lerntheoretischen Konzepten und deren Weiterentwicklungen. Hier steht eher die Erkennung und Veränderung eingefahrener und krankmachender Verhaltensmuster im Mittelpunkt. Auch bestimmte automatisch ablaufende Gedankengänge werden hinterfragt. Eine wichtige Methode der Verhaltenstherapie ist die Exposition oder Konfrontation. Deren Ziel besteht darin, sich an ängstigende Situationen allmählich immer mehr zu gewöhnen, so dass die Ängste allmählich weniger werden.

Jede Methode hat bestimmte Vor- und Nachteile. Für welches Vorgehen du dich entscheidest, kannst du von folgenden subjektiven und objektiven Kriterien abhängig machen:

 

  • Stimmt die Chemie? Die Qualität der therapeutischen Beziehung ist oft wichtiger als die gewählte Therapiemethode. Bevor du also die Frage nach dem Therapieverfahren stellst, solltest du in dich hineinspüren, ob der Therapeut als Person der richtige für dich ist.
  • Was suchst du? Ein weiterer subjektiver Faktor ist die Frage nach deinen Vorlieben, deiner Motivation und deiner Lebenssituation: Hast du überhaupt ein Interesse daran, z. B. biografische Hintergründe deiner Schwierigkeiten aufzudecken, oder geht es dir in erster Linie um rasche Symptomlinderung? Wieviel Zeit kannst und möchtest du für eine Psychotherapie investieren? Welche Vorerfahrungen (oder Vorurteile?) hast du in Bezug auf ein bestimmtes therapeutisches Vorgehen?
  • Wozu raten dir die Fachleute? Es gibt Situationen und Krankheitsbilder, bei denen Spezialisten eher zu dem einen oder zu dem anderen Verfahren raten würden. Bei chronischen Zwangshandlungen (z. B. Waschzwang) etwa sind verhaltenstherapeutische Verfahren eher wirksam. Solche Empfehlungen basieren auf Erfahrungswerten. Es ist sinnvoll, den Expertenrat in deine Überlegungen einzubeziehen, dabei aber zu bedenken, dass auch Fachleute ihre persönlichen Vorlieben haben.

Wer übrigens als Therapeut behauptet, die einzig richtige oder die allerbeste Methode überhaupt anzubieten, ist bestenfalls ein wenig betriebsblind geworden. Jedenfalls sollte man als Patient eher skeptisch werden, wenn Therapeuten oder Methoden mit Heilsversprechungen daherkommen oder einen großen „Hype“ um sich machen. Solche „Modetherapien“ verschwinden oft genauso schnell, wie sie aufgetaucht sind. Dagegen sind die in der gesetzlichen Krankenversicherung zugelassenen Therapieverfahren lange etabliert, gut untersucht und nachweislich gut wirksam.

Einzel- oder Gruppentherapie ?

Wenn die Entscheidung für ein bestimmtes Therapieverfahren gefallen ist, kannst du dir noch überlegen, ob du die Behandlung lieber als Einzeltherapie oder als Gruppentherapie (in der Regel zusammen mit fünf bis sieben anderen Patienten) durchführen möchtest. Auch hier haben beide Wege bestimmte Vorzüge und Nachteile. Es gibt Patienten, die sich in Gruppen überhaupt nicht wohlfühlen. Das kann z. B. an ausgeprägten Schamgefühlen liegen, die im Einzelkontakt mit dem Therapeuten weniger stark erlebt werden. Andere profitieren in der Gruppe von der Erfahrung, mit ihren Problemen nicht allein zu sein und zu sehen, wie die Mitpatienten mit ihren Schwierigkeiten umgehen.

Psychotherapie ambulant oder stationär?

Die meisten Psychotherapien werden ambulant, also in der Praxis eines niedergelassenen Psychotherapeuten durchgeführt. Es gibt aber auch Psychosomatische Kliniken, in denen Psychotherapie im stationären Rahmen angeboten wird. Ein wesentlicher Vorteil der stationären Behandlung besteht in der größeren Intensität der Behandlung. In der Klinik finden in der Regel mehrere Behandlungen pro Tag statt, und es können verschiedene Therapiemethoden nebeneinander zur Anwendung kommen (Gesprächstherapien einzeln und in der Gruppe, Gestaltungstherapie, Entspannungsverfahren, körperorientierte Therapien usw.). Außerdem gibt es Fachärzte verschiedener Disziplinen unter einem Dach, was vor allem bei Patienten wichtig sein kann, die neben ihrer seelischen Störung auch noch an einer schweren körperlichen Erkrankung leiden. Zu einer stationären Behandlung wird man dir außerdem möglicherweise raten,

 

  • wenn die Symptomatik besonders schwer ist und eine intensivere Behandlung erfordert als das im ambulanten Rahmen möglich ist, z. B. bei schweren Angsterkrankungen
  • bei bestimmten Erkrankungen mit starker körperlicher Beeinträchtigung wie z. B. Essstörungen mit starkem Untergewicht
  • bei ausgeprägten sozialen Komplikationen wie z.B. langanhaltender Arbeitsunfähigkeit
  • beim gleichzeitigem Vorliegen schwerer körperlicher Erkrankungen
  • wenn es sinnvoll erscheint, vorübergehend Abstand zwischen dir und deinem häuslichen Umfeld zu schaffen
  • wenn eine Suchtproblematik vorliegt
  • bei Suizidgefährdung.

Die Kosten für eine stationäre Psychotherapie übernimmt entweder die Krankenkasse oder die Rentenversicherung (wenn es sich um eine Rehabilitationsklinik handelt). Bei den notwendigen Formalitäten im Vorfeld der Aufnahme ist dir dein behandelnder Arzt behilflich. Die meisten Kliniken stehen hier gern beratend zur Seite.

Autor: Dr. Steffen Heger

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