Online-Psychotherapien als neue Möglichkeit für Menschen mit HIV ?

Menschen mit HIV haben einen hohen Psychotherapiebedarf. Leider ist es häufig nicht so einfach, einen Psychotherapieplatz zu bekommen. In den letzten Jahren werden vermehrt „Online-Therapien“ angeboten. Wie sie funktionieren und ob sie dir helfen könnten, erfährst du hier.

Online-Psychotherapie unterstützt HIV-Positive in Krisen
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Ob es die Krise nach dem positiven Testergebnis ist oder der Beginn der ART, ob es die Trennung vom Partner ist oder eine Zurücksetzung am Arbeitsplatz – HIV -Positive haben viele seelische Belastungen zu meistern. Daher verwundert es nicht, dass psychische Erkrankungen wie z. B. Depressionen bei HIV -Positiven häufig auftreten. Daraus ergibt sich ein hoher Bedarf an Psychotherapie . Leider ist es nicht immer einfach, einen geeigneten Psychotherapeuten zu finden, und die Wartezeiten auf ein Erstgespräch oder den Therapiebeginn sind oft lang. Da liegt der Gedanke nah, sich nach Alternativen umzusehen.

Hilfe wird auch über das Internet oder über Smartphone-Apps in verschiedenen Formen und in immer größerer Zahl angeboten. Vielleicht mag dir der Gedanke abwegig erscheinen, dich mit deinem Kummer, deinen Sorgen und Nöten einem Smartphone anzuvertrauen. Möglicherweise findest du aber auch die Vorstellung angenehm, deinen Therapeuten immer dabei zu haben.

Der Psychotherapeut für die Jackentasche – funktioniert das? Hier findest du Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Wie funktioniert „Online-Psychotherapie “?

Es gibt grundsätzlich zwei verschiedene Methoden: Automatische Stand-alone-Programme und gecoachte Anwendungen, die von einem „echten“ Therapeuten live geführt werden.

Die Stand-alone-Programme sind vollautomatische Computerprogramme, die meist auf den Erkenntnissen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) basieren. Die KVT ist eine nachweislich hoch wirksame Psychotherapiemethode, die seit Jahrzehnten z. B. in der Behandlung von Depressionen erfolgreich eingesetzt wird. Sie geht davon aus, dass sich bei Menschen mit Depressionen bestimmte negative Gedankenmuster eingeschliffen haben, die in der Therapie zu hinterfragen und zu verändern sind. Außerdem berücksichtigt sie den bei Depressionen häufigen Verlust an positiven Erlebnissen und versucht, die Betroffenen zu motivieren, sich freudvollen und als angenehm erlebten Tätigkeiten zuzuwenden. Diese Vorgehensweise lässt sich recht gut in Computerprogramme übertragen, indem zuerst die aktuellen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen analysiert und dann Aufgaben gegeben werden, um die gewohnten depressiven Muster zu verändern. So kann täglich das Befinden abgefragt und eine daran angepasste Aufgabe gestellt werden.

Bei den gecoachten Anwendungen tritt der User auf virtuellem Weg in Kontakt mit einem realen Therapeuten. Hier kann der Austausch zwischen Klienten und Therapeut wie bei einem ganz normalen Chat oder einem WhatsApp-Kontakt ablaufen. Der Ablauf der Therapie und die angewandten Methoden können variieren, so dass stärker auf individuelle Gegebenheiten des Klienten eingegangen werden kann.

Für wen kommt Online-Psychotherapie in Frage?

Online-Therapien werden von vielen Menschen als hilfreich erlebt und gern angenommen. Sie können insbesondere bei leichten Depressionen gut funktionieren. Es sind aber auch Angebote für Patienten mit Angststörungen verfügbar.

Online-Therapien bieten sich an

  • als Überbrückung der Wartezeit
  • als Ergänzung zu einer „echten“ Psychotherapie
  • für Menschen, die z. B. aus beruflichen oder Krankheitsgründen keine regelmäßigen Termine vor Ort wahrnehmen können
  • als Einstieg für Menschen, die sich noch scheuen, einen Psychotherapeuten im realen Leben aufzusuchen

Wenn du virtuelle Angebote begleitend zu einer laufenden „realen“ Therapie nutzen möchtest, rede am besten mit deinem Therapeuten darüber. Objektiv betrachtet spricht erst einmal nichts gegen eine parallele Nutzung von ambulanter Psychotherapie im wirklichen Leben und einem vollautomatischen Programm im Internet. Dennoch ist es sinnvoll, wenn dein Therapeut darüber informiert ist, denn die parallele Nutzung hat immer auch eine Bedeutung für die therapeutische Beziehung.

Menschen mit schwerer ausgeprägten Depressionen oder komplexeren seelischen Erkrankungen (wie z. B. Persönlichkeitsstörungen) wird ein Online-Angebot in der Regel nicht ausreichen, um eine nachhaltige Besserung zu erzielen. Wenn du unter Suizidgedanken oder selbstschädigendem Verhalten leidest, solltest du immer das Gespräch mit einem „echten“ Psychiater oder Psychotherapeuten suchen.

Welche virtuellen Angebote gibt es?

Es ist bereits eine Vielzahl hochwertiger Online-Therapieprogramme verfügbar. Die meisten haben sich auf depressive Erkrankungen fokussiert. Dazu gehören bei den Stand-alone-Programmen z. B. moodgym, I-Fight-Depression und Deprexis. Programme mit einem echten Therapeuten im Hintergrund sind z. B. PRO MIND und der TK-Depressions-Coach.

Ein spezielles Angebot für HIV -positive Klienten gibt es bisher nicht.

Wenn du im Internet nach „Online-Therapie“ suchst, wirst du viele Treffer erhalten. Es ist nicht auszuschließen, dass sich unter den Anbietern auch schwarze Schafe tummeln, die es vor allem auf dein Geld abgesehen haben. Schau daher genau hin, bevor du dich auf ein kostenpflichtiges Angebot einlässt!

Kann mich mein eigener Psychotherapeut auch online behandeln?

Wenn du dich bereits in Psychotherapie bei einem „realen“ Therapeuten befindest, fragst du dich vielleicht, ob er dich auch online behandeln kann. Natürlich ist es möglich, dass ihr neben den Therapiesitzungen in seiner Praxis auch virtuellen Kontakt haben könnt. Nur wäre das eine freiwillige und unbezahlte Leistung deines Therapeuten. Denn nach den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung müssen Psychotherapiesitzungen, die von einer gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden, im persönlichen Kontakt in den Praxisräumen des Therapeuten stattfinden. Nur Expositionsbehandlungen, z. B. bei Höhen- oder Platzangst, dürfen außerhalb der Praxisräume durchgeführt werden, weil das gar nicht anders möglich ist. In besonderen Ausnahmenfällen, wenn z. B. der Patient aus gesundheitlichen Gründen die Wohnung nicht verlassen kann, kann die Therapie auch in Form eines Hausbesuchs durchgeführt werden. Dies muss aber der Krankenkasse gegenüber genau begründet werden. Therapiesitzungen über Internet oder Telefon sind bisher in der Psychotherapie ausdrücklich nicht vorgesehen.

Wie hoch sind die Kosten für eine Online-Therapie und wer übernimmt sie?

Einige der oben erwähnten Therapiemodule werden von Krankenkassen angeboten und sind entweder allgemein frei zugänglich oder zumindest für die Mitglieder dieser Krankenkasse kostenfrei. Frag einfach bei deiner Krankenkasse nach.

Andere Programme sind kommerziell und müssen von den Nutzern aus eigener Tasche bezahlt werden. Hier können Kosten in Höhe von mehreren Hundert Euro anfallen. Sieh in jedem Fall genau hin, bevor du dich auf ein kostenpflichtiges Angebot einlässt.

Autor: Dr. Steffen Heger

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