SYMPTOME BEI HIV

Schwerpunkt: HIV & Psyche
01.06.2013

Ich bin seit 2006 Alleinerziehende Mutter eines mittlerweile 17-jährigen Sohnes und dachte bisher, dass ich mit ihm über ALLES reden kann/ihn umfassend aufgeklärt habe. Offensichtlich weit gefehlt. Seit etwa zwei Monaten schwächeln seine Noten am Fachgym, seit drei Wochen nervt er mit der Frage nach seiner Blutgruppe. Ich dachte zuerst, dass mein Ex-Mann dahinter steckt, wegen Vaterschaft etc. Sonntagnacht fing mein Sohn an zu brechen, bis Montag früh, aber er ist trotzdem ans Gym in die Nachbarstadt gefahren. Nachmittags bat er mich dann um einen Termin bei unserem Hausarzt, zur Blutuntersuchung ink.l HIV-Test. Ich habe erst mit Lachen reagiert, ahnunglos wie ich war, aber wir waren trotzdem am Dienstag beim Arzt und haben den Test vereinbart - für Freitag früh. Erst DANACH hat mir mein Sohn gestanden, das er angeblich sein erstes Mal schon vor 1-2 Jahren hatte, ohne Kondom, nähere Einzelheiten hat er mir nicht gegeben. Nur, dass Blut im Spiel war und, dass er alles verdrängt hatte. Bis jetzt (ich glaube nicht daran). Ich versuchte zu kontern: Wie hoch ist die mathematische Wahrscheinlichkeit, dass er in einem 20.000 Seelen Kuh-Kaff auf eine 15-jährige HIV-Infizierte trifft. Das alles brachte meinen Sohn nicht von seiner Hysterie runter und daher glaube ich, es war keine SIE, sondern ein ER und ich grübele weiter, wann das Ganze passiert sein soll: wirklich nur auf Klassenabschlussfahrt oder bei den Wochenenden bei Papa? Denn bei mir meldet er sich an, wenn er von der Schule kommt und ich sage nicht Bescheid, wann ich Feierabend habe, ich tauche also einfach auf. Gestern war dann die Blutabnahme, ich habe mir frei genommen, um extra auf das HIV-Ergebnis hinzuweisen und meinen Sohn zu begleiten und seitdem gehe ich die Wände hoch. Ich kann mit keinem drüber reden. WAS passiert, wenn das Ergebnis positiv ist?? Wie kann ich das eventuelle Outing meines Sohnes händeln?? Das wird das längste Wochenende meines Lebens.

Dr. med. Steffen Heger
Antwort des Experten Dr. med. Steffen Heger

Sehr geehrte Delia 1402,

vielen Dank für Ihre Anfrage über die Internetplattform www.my-micromacro.net.

Zunächst finde ich es ganz verständlich, dass Sie durch die Ängste Ihres Sohnes und seinen überraschenden Wunsch nach einem HIV-Test sehr besorgt sind.

Neben der Angst um seine Gesundheit spielt offensichtlich die unerwartete Feststellung eine wichtige Rolle, dass Ihr Sohn offenbar in seiner Entwicklung weiter ist, als Sie vielleicht bisher vermutet haben und dass es Bereiche in seinem Leben gibt, die er bisher nicht mit Ihnen geteilt hat. Das scheint mir zunächst für einen Heranwachsenden nicht ungewöhnlich. Dennoch verstehe ich, dass Sie erst einmal aus allen Wolken gefallen sind und sich große Sorgen machen, ob etwas Schlimmes vorgefallen sein könnte.

Dass er nun mit seinen Sorgen doch zu Ihnen kommt, zeigt meiner Ansicht nach, dass er einen guten Kontakt zu ihnen hat und gern über diese Dinge mit Ihnen ins Gespräch kommen möchte, die er bisher für sich behalten hat. Darin steckt m.E. auch eine Chance für Ihre Mutter-Sohn-Beziehung.

Nach der Blutentnahme machen Sie vermutlich die gleichen Ängste durch, mit denen er sich - vielleicht schon lange - plagt. Allerdings können Sie natürlich die Gründe dafür nicht einordnen und sind daher auf Vermutungen angewiesen, was Sie ins Grübeln bringt und Sie vielleicht auch ein wenig misstrauisch macht.

Wenn ich Sie recht verstehe, wünschen Sie sich Rat, wie Sie mit dieser schwierigen Situation umgehen könnten. Das ist natürlich nur eingeschränkt möglich, da ich weder Sie noch Ihren Sohn persönlich kenne. Aber drei Dinge fallen mir dazu ein, wobei Sie nur selbst entscheiden können, was davon Ihnen möglich und sinnvoll erscheint:

1. Ihr Sohn hat sich Ihnen mit seiner Angst zumindest teilweise anvertraut. Das wäre zunächst als Vertrauensbeweis anzuerkennen. Wenn es Ihnen gelingt, ihn mit seinen Sorgen als jungen Mann ernst zu nehmen und ihm damit zu zeigen, dass Sie weiterhin als Gesprächspartnerin zur Verfügung stehen ohne ihn zu bedrängen, ist das bestimmt eine gute Basis. Im Idealfall kann er dann selbst entscheiden, wie weitgehend er sich öffnen möchte. Wenn er vielleicht über bestimmte Dinge nicht mit seiner Mutter, sondern lieber einem unbeteiligten Dritten sprechen möchte (z.B. aufgrund von Schamgefühlen oder weil er Sie mit bestimmten Dingen nicht belasten möchte), stellt sich die Frage, ob es vielleicht einen weiteren Gesprächspartner gibt, der dafür in Frage kommt. Das könnte auch jemand aus dem professionellen Bereich sein wie z.B. der Hausarzt oder ein Berater bei einem Gesundheitsamt oder - der Fragestellung entsprechend - bei einer AIDS-Hilfe. Alle diese Personen unterliegen der Schweigepflicht und sowohl beim Gesundheitsamt als auch bei der AIDS-Hilfe kann man auf Wunsch anonym bleiben.

2. Wenn jemand Angst hat, tut es ihm meistens gut, einen vertrauten Menschen zu haben, bei dem er sich anlehnen kann, der sich aber von seiner Angst nicht anstecken lässt. Die Sorgen ernst zu nehmen und gleichzeitig einen kühlen Kopf zu bewahren wäre sicher hilfreich. Das kann aber von der eigenen Mutter bei einem so heiklen Thema ein bisschen zuviel verlangt sein. Auch dann kann ein kompetenter und neutraler Gesprächspartner außerhalb der Familie eine gute Lösung sein.

3. Sollte es auf ein homosexuelles Outing hinauslaufen, stellt sich die Frage, wie Ihre Einstellung dazu ist und was es für Sie bedeuten würde, wenn Ihr Sohn schwul wäre. Das kann ich nun gar nicht einschätzen. Aber auch da gibt es eine Menge an Unterstützungsangeboten und zwar sowohl für Ihren Sohn als auch für Sie als Mutter. Haben Sie Ihren Sohn schon direkt auf diesen Punkt angesprochen? Falls sich Ihre Vermutung in dem Punkt bestätigen sollte, kann ich Ihnen anbieten, sich ggf. noch einmal mit mir in Verbindung zu setzen.

Aus meiner Sicht erscheint es ratsam, jetzt eines nach dem andern anzugehen. Das heißt, zunächst ist das Ergebnis des HIV-Tests abzuwarten. Die Angst bis dahin kann ich Ihnen und Ihrem Sohn leider nicht nehmen. Sie schreiben aber, dass Sie niemanden haben, mit dem Sie über Ihre Sorgen sprechen können. Vielleicht fällt Ihnen da doch noch eine Möglichkeit ein? Ansonsten gilt auch für Sie, dass es in solchen Situationen professionelle Unterstützung geben kann.

Ich hoffe, diese Einschätzung hilft Ihnen erst einmal ein wenig weiter. Falls Sie Rückfragen haben, dürfen Sie sich gern noch einmal melden.

Ich freue mich, wenn ich Ihnen weitergeholfen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med Steffen Heger
Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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