UNGESCHÜTZTER SEX MIT HIV

Schwerpunkt: HIV & Frauen, Schwangerschaft
29.04.2015

Liebe Frau Dr. med. Römer, vielleicht können Sie mir einen hilfreichen Hinweis geben. Die Fakten: W, HIV-Infektion seit 1994, Erkrankung an Aids 1997, Medikation erfolgreich, seit 2000 Viruslast unter der Nachweisgrenze. Gesundheitlich vollständig erholt und keinerlei Einschränkungen, CD 4 Ratio 60%, überdurschnittlich hohe CD 4-Werte. Besteht weiterhin eine Gefahr, bei ungeschütztem Verkehr mit einem Mann das Virus weiterzugeben? Oder ist die Wahrscheinlichkeit im Lotto zu gewinnen gar höher? Es grüßt Sie ein verunsicherter Fragender.

Dr. med. Katja Römer
Antwort des Experten Dr. med. Katja Römer

Sehr geehrter „Fragender“,

vielen Dank für Ihre Anfrage über die Internetplattform www.my-micromacro.net.

Die Idee, dass bei einer gut behandelten HIV-Infektion das Infektionsrisiko deutlich sinkt, ist nicht neu. So konnte schon Ende der neunziger Jahren gezeigt werden, dass das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, von der Höhe der Viruslast abhängt – je höher die Viruslast, desto höher auch das Risiko.

Umgekehrt heißt das aber auch, dass das Risiko für eine Infektion - auch bei sexuellem Kontakt- niedriger ist, je niedriger die Viruslast ist. Verschiedene Studien haben sich diesem Thema in den letzten Jahren gewidmet. Ziel war es, bei HIV+/HIV- Paaren die Übertragungsraten bei verschiedenen Sexualpraktiken abzubilden. So wurde z.B. in der Partner Studie der HIV+ Partner wirksam mit einer antiviralen Therapie behandelt und die Viruslast musste unter 200 Kopien/ml liegen. 2014 wurde eine Zwischenanalyse veröffentlicht: In zwei Jahren war es bei ca. 16.000 homosexuellen und ca. 14.000 heterosexuellen Sexualkontakten zu keiner Übertragung innerhalb der Partnerschaft gekommen ( der Vollständigkeit halber: es hatten sich ein paar HIV-negative Partner infiziert, nur eben nicht innerhalb der Partnerschaft, sondern bei einem Kontakt außerhalb).

Leider heißt das nicht, dass es gar kein Risiko für eine Ansteckung gibt; es besteht ein nicht näher bezifferbares Restrisiko. Verschiedene Faktoren können dazu beitragen, dass HI-Virus im Vaginalsekret nachweisbar wird, u.a. Infektionen des Genitaltraktes und andere sexuell übertragbare Erkrankungen.

Zu diesem Thema hatte die Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen bereits im Jahr 2008 ein Statement veröffentlicht, in dem sie HIV-Patienten unter Therapie unter bestimmten Bedingungen als sexuell nicht mehr infektiös deklarierte. Die nachfolgende Diskussion in den deutschen Fachgesellschaften erbrachte im Wesentlichen eine Zustimmung (s.u.), aufgrund des nicht in jedem Fall auszuschließenden Restrisikos konnte jedoch kein Konsens zum Kondomverzicht gefunden werden.

Gleichwohl sind die Diskussions- und Studienergebnisse in die Leitlinien eingeflossen: seit der letzten Neuerung wird z.B. bei ungeschütztem vaginalem Sexualkontakt mit einem gut behandelten HIV+ Partner keine medikamentöse Post-Expositionsprophylaxe mehr empfohlen.

Fazit: eine hundertprozentige Sicherheit gibt es in diesem Fall leider nicht. Allerdings eine deutlich zu spürende Entwarnung. Und den Rat, das Thema offen mit dem Partner zu diskutieren, um die Entscheidung dann für sich selbst treffen zu können.

Ich freue mich, wenn ich Ihnen weitergeholfen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med Katja Römer
Fachärztin für Allgemeinmedizin und Infektiologie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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