6. Fachtag „HIV , Sexualität & Psyche“ mit Schwerpunkt HIV und Migration

Der 6. Fachtag „HIV , Sexualität & Psyche“ am Universitätsklinikum Bochum Ende Januar 2017 stand im Zeichen der Zuwanderung von Menschen aus Krisenregionen.

Schwerpunkt HIV und Migration
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Die Veranstaltung mit rund 200 Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen, Vertretern von Selbsthilfeorganisationen und Betroffenen unter der Wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer wurde von „WIR – Walk In Ruhr“ - Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum, dem Kompetenznetz HIV -AIDS in Zusammenarbeit mit der Deutschen STI-Gesellschaft, der STI Gesell-schaft/Ruhr, der Bochumer Aidshilfe und der Deutschen AIDS-Gesellschaft durchgeführt.

In diesem Jahr standen neben traditionellen „Updates“ zur epidemiologischen Situation und zum aktuellen Behandlungsstand von HIV , Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) die Themen HIV und Migration sowie Homophobie /Homonegativität in unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften im Vordergrund der acht Vorträge und neun Workshops.

Kampf gegen Aids: Die 90-90-90-Strategie

Ziel des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen zu HIV /Aids (UNAIDS) ist, dass bis zum Jahr 2020 weltweit 90 % der HIV -Infizierten ihren Status kennen, 90% der Infizierten Zugang zur Behandlung haben, und bei 90% der Behandelten das Virus nicht mehr nachweisbar ist (90-90-90-Regel).  

HIV -Infektionen in Deutschland auf niedrigem Stand

Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zufolge waren Ende 2015 in Deutschland etwa 85.000 Menschen mit HIV infiziert, von denen etwa 85 % von ihrer Infektion wussten. Etwa 75 % der HIV -Positiven wurden antiretroviral behandelt. Es wird angenommen, dass sich im Jahr 2015 ca. 3.200 Menschen neu mit HIV infiziert haben. Damit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit einer besonders niedrigen Rate an HIV -Neuinfektionen, wobei gleichzeitig andere sexuell übertragbare Infektionen, insbesondere Syphilis, um ein Vielfaches zugenommen haben.

Die Lebenserwartung HIV -Infizierter ist sehr unterschiedlich. Sie ist nicht nur bei den Rauchern unter den Betroffenen im Mittel um sechs Jahre niedriger als bei Nichtrauchern, sondern auch bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus

HIV -Positive mit Migrationshintergrund – erschwerter Zugang zu Diagnostik und Therapie

Ca. 11.000 der 85.000 HIV -Positiven in Deutschland haben einen Migrationshintergrund; etwa 6.000 kommen aus Subsahara-Afrika. Bei ihnen wird die HIV -Diagnose häufig deutlich später gestellt und die Behandlung später und insgesamt seltener durchgeführt als bei Menschen ohne Migrationsgeschichte. Migranten hatten häufig in ihren Ursprungsländern keinen Zugang zu Diagnostik und Therapie. Nach ihrer Ankunft in Deutschland leben sie oft in einem Umfeld, in dem die HIV -Infektion aufgrund ausgeprägter Stigmatisierung verheimlicht werden muss. Dies steht nicht nur dem Aufsuchen einer Beratungsstelle oder Schwerpunktpraxis im Weg, sondern auch einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme.

Der Anteil an Frauen ist bei HIV -infizierten Migranten höher als bei denen ohne Migrationsgeschichte. Viele von ihnen sind traumatisiert und waren in der Vergangenheit Opfer sexualisierter Gewalt. Bei der Betreuung HIV -positiver Migranten sind daher spezielle Ansätze und Hilfsangebote erforderlich. Häufig sind Sprachmittler oder Dolmetscher nötig. Bei Geflüchteten können außerdem die unsichere aufenthaltsrechtliche Situation und eine fehlende oder unzureichende Krankenversicherung der medizinischen und psychotherapeutischen Behandlung im Weg stehen. Häufig steht zunächst die Linderung materieller Not (Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung) im Vordergrund der Hilfsangebote. Bei der Erarbeitung von Ressourcen müssen regelmäßig biografische, kulturelle und religiöse Besonderheiten berücksichtigt werden. Dazu braucht es in der Versorgung dieser Zielgruppe besonders geschulte und erfahrene Helfer.

Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung

Eine besondere Betreuung benötigt auch die Gruppe der LGBTI *-Geflüchteten. Zu den häufigen Erfahrungen, z. B. von Homophobie in ihren Ursprungsländern, kommen nach der Ankunft in Europa zusätzlich Diskriminierungen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe und Religion, so dass diese Personen einem besonderen und fortgesetzten Minderheiten-Stress ausgesetzt sind.

Dieser macht jedoch nicht nur Geflüchtete und Migranten krank. Das Erleben von Homophobie bzw. Homonegativität kann über alle Kulturen hinweg zu internalisierter Homophobie und Selbsthass führen und erhöht so auch das Risiko für ungünstiges Gesundheits- und Risikoverhalten. Je ausgeprägter die internalisierte Homophobie , umso größer ist unter anderem die Wahrscheinlichkeit, dass nie ein HIV -Test gemacht wird. Dadurch wird die Diagnose häufig erst in fortgeschritten Stadien der Erkrankung gestellt (Late Presenter), was mit einer schlechteren Prognose und geringeren Lebenserwartung einhergeht.

Insgesamt wurde die Veranstaltung von den Teilnehmern als informative Plattform für den fachlichen Austausch erlebt. Insbesondere die offene und vertrauensvolle Atmosphäre in den Workshops ermöglichte lebendige und eindrucksvolle Einblicke in die Situation Betroffener aus verschiedenen Kulturen und war dadurch geeignet, dem Fachpublikum ein besseres Verständnis für unterschiedlichste Lebenswelten zu vermitteln.

Der 7. Fachtag findet am 19./20. Januar 2018 wiederum in Bochum statt.

* LGBTI ist die Abkürzung für die englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und Intersexual (deutsch: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/transgender und intersexuell)

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