WISSENSWERTES ZUM THEMA HIV UND AIDS

Schwerpunkt: HIV & Männer, HIV Allgemein
26.11.2012

Sehr geehrter Herr Dr. Glaunsinger, Was ist der Unterschied zwischen HIV und Aids? Denken Sie, dass es in der Zukunft eine Heilungsmöglichkeit für Aids/HIV geben wird? Warum erkranken so viele Menschen in Afrika an HIV? Steigt oder sinkt die Rate der Erkrankten? Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen. Mit freundlichen Grüßen R.M.

Dr. med. Tobias Glaunsinger
Antwort des Experten Dr. med. Tobias Glaunsinger

Liebe Meredith,

zu 1.) Der Begriff "AIDS" steht für "Aquired Immunodeficiency Syndrome", zu Deutsch: Erworbenes Immunschwächesyndrom. Hierbei handelt es sich um eine schwere Schädigung des Immunsystems als Folge einer fortschreitenden Zerstörung des Immunsystems durch eine Infektion mit dem HI-Virus (Human Immunodeficiency-Virus), also dem Humanen (menschlichen) Immunschwächevirus. Das Virus ist in der Lage, nach seinem Eindringen in den Körper bestimmte Arten der Immunzellen zu zerstören (sogenannte T-Helfer-Lymphozyten). Dies ist ein fortschreitender Prozess. In der ersten Zeit nach der Ansteckung findet zwar schon eine zunehmende Schädigung dieser Zellen statt, der Körper kann diese Schädigung jedoch noch gut ausgleichen. Es besteht noch kein massiver Immundefekt.
Meist innerhalb einiger Jahre kann es jedoch zu einer deutlichen Schwächung des Immunsystems kommen. Wenn die verbleibenden Funktionen des Immunsystems dann zu schwach werden, ist das Immunsystem nicht mehr in der Lage, seinen nor-malen Aufgaben adäquat nachzukommen. Es ist also nicht mehr ausreichend in der Lage, Krankheitserreger zu bekämpfen oder entartete Zellen - zum Beispiel Krebszellen - abzutöten. In der Folge kommt es zum Auftreten von schweren Infektionen oder Krebserkrankungen, die dann lebensbedrohend sein können. Diesen Zustand nennt man dann "AIDS". Ein Mensch, der sich mit HIV angesteckt hat, ist also zunächst mal HIV-infiziert, nicht aber AIDS-krank. Letzteres wird er nur, wenn er nicht adäquat oder gar nicht gegen HIV behandelt wird und es in der Folge zu einer massiven Schwächung des Immunsystems kommt.

zu 2.) Das ist im Moment reine Spekulation. Ich bin ehrlich gesagt skeptisch. Das Hauptproblem ist, dass sich das HI-Virus während seiner Vermehrung mit seiner Erbinformation ist das Genom (die Erbinformation) der Zielzelle (i.d.R. menschliche Immunzellen) einschreiben kann. In diesem Zustand kann sich das Virus quasi als "Schläfer" in den Zellen "verstecken". In der Tat können diese Zellen von außen u.U. nicht als virusinfiziert erkennbar sein, weil Immunzellen nur dann Virus vermehren und freisetzen, wenn sie selbst aktiviert werden. Ruhende, nicht aktivierte Immunzellen sind somit wie ein trojanisches Pferd. Sie bergen den Gegner in sich, der lange Zeit (Jahrzehnte?) in ihnen überleben kann.
Einen Impfstoff halte ich nicht für so ganz unwahrscheinlich. Diesbezüglich hat es jedoch in den letzten 20 Jahren bereits eine Vielzahl von Forschung und Studien mit teilweise sehr innovativen neuen Impfkonzepten gegeben. Bisher waren all diese Impfstoffversuche nicht von wirklich überzeugendem Erfolg gekürt. Im Moment hat jedoch eine Vielzahl von renommierten Forschern die Impfstoffentwicklung verstärkt. Zudem gibt es insbesondere in den USA sehr viel Geld, welches für die Impfstoffentwicklung zur Verfügung steht. Ich bin optimistisch, dass sich daraus mal etwas machen lässt. Wie es derzeitig aussieht, verabschiedet man sich jedoch etwas von dem Konzept, einen Impfstoff entwickeln zu wollen, der eine Infektion komplett verhindern kann. Vielmehr scheinen Impfstoffe realistischer, die zwar die Infektion nicht verhindern, jedoch den Verlauf einer Infektion durch gezieltes Training des Immunsystems abzumildern imstande sind.

Zu 3.) Die HIV-Infektion stammt aus Afrika. Das HI-Virus hat sich in Afrika durch den Übertritt ähnlicher Viren (SIV) vom Affen auf den Menschen entwickelt. Es ist in Afrika sicher schon viel länger verbreitet als in den westlichen Ländern - auch wenn es früher nie diagnostiziert wurde, weil es erst identifiziert wurde, als es bei Menschen in der westlichen/reichen Welt Erkrankungen ausgelöst hat. Das ist aber sicher nur ein Aspekt der Ursache, warum insbesondere Afrika so von der Pandemie betroffen ist. Die weiteren Gründe sind vielfältig: HIV wird in Afrika ganz überwiegend auf heterosexuellem Weg sowie von der Mutter auf das Kind im Mutterleib übertragen. Promiskuitäten sind in Teilen Afrikas weit verbreitet, Kondome werden aus verschiedenen Gründen oft zu wenig genutzt. Hinzu kommen das gehäufte Auftreten weiterer sexuell übertragener Infektionen wie Herpes genitalis etc., die die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung weiter erhöhen.

Zu 4.) In den reichen Industrieländern wie Deutschland ist die Rate der an AIDS erkrankten Patienten mit Einführung der hochwirksamen modernen Therapien massiv gesunken und ist seit Ende der 90er Jahre auf niedrigem Niveau (ca. 300-500 AIDS-Erkrankungen im Jahr) stabil. Die Zahl der Neuinfektionen, also neuen Ansteckungen ist nach Beginn der Aufklärungskampagnen Mitte der 80er Jahre zunächst gefallen, war jedoch seit 2000 wieder zunehmend. In den letzten 3 Jahren hat sich die Zahl auf etwa 2.700 Neuinfektionen pro Jahr eingependelt und scheint nicht mehr zu steigen.

Mit besten Grüßen

Dr. med Tobias Glaunsinger
Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie
im Auftrag der Janssen-Cilag GmbH

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